• 03.07.2007

Was ein Gedicht ist

Es sind Gedichte, doch sie faszinieren die Massen. Das Berliner Poesiefestival demonstriert die Möglichkeiten der zeitgenössischen Lyrik

VON ANDREAS RESCH

"Zuerst begonnen, längst ein früher Vorbote", so klingt durchaus respektable Anfängerlyrik. Hergestellt wurde sie von der Software "Censeo | Genero" der Künstlergruppe Versfabrik. Diese Weiterentwicklung von Enzensbergers "Poesieautomaten" war auf dem am Sonntag zu Ende gegangenen Poesiefestival Berlin zu sehen.

Über Lyrik wird derzeit wieder einmal heftig diskutiert, die FAZ sieht in der Lyrik gar eine neue Avantgarde, was kritische Selbstreflexion anbetrifft. Von solchen Grundsatzdebatten war auf dem Poesiefestival nicht allzu viel zu spüren. Zwar sprachen Wissenschaftler und Autoren in einem Kolloquium über das "Bild in der Poesie". Doch niemand schien genau zu wissen, ob man nun sprachliche Bilder, Bildbeschreibungen oder konkrete Bilder meinte. Und eine Dichtung, die gar auf Metaphern oder poetische Bilder verzichtet, konnte sich auch niemand so recht vorstellen - obwohl sie doch nur ein paar hundert Meter weiter schon längst praktiziert wurde.

Nimmt man sich nämlich die auf dem Poesiefestival vorgestellte Lyrik selbst zum Maßstab, so lassen sich zwei Thesen zum Stand der modernen Dichtung aufstellen. Erstens: Lyrik als literarische Gattung ist weiterhin im Begriff, zur Marginalie zu werden. Einer Marginalie allerdings, die durchaus massentauglich ist, sobald sie zur Performance wird. Zweitens: Wie kaum einer anderen Kunstform ist es der Poesie gelungen, in der Digitalität eine neue Identität zu finden.

Hält man sich an den spanischen Dichter Eduard Escoffet, dann ist die Periode zwischen dem 16. und dem 20. Jahrhundert sowieso nur als "Zwischenstadium einer im Buch eingeschlossenen Poesie" zu verstehen, die nun ihrem Ende zustrebt. Das Poesiefestival führte vor Augen, wie viele internationale Dichter den Möglichkeitsraum dessen, was ein Gedicht sein kann, konsequent durchschreiten. Es zeigte auch, wie viele Dichter sich mit jenen literarischen Traditionen auseinandersetzen, denen es primär darum geht, Lyrik in neue Ausdrucksformen jenseits von Metaphorik und Ekphrasis, also in Sprache gefasster Bildlichkeit, zu überführen. Dabei verläuft eine grafisch-textuelle Linie von der barocken Figurata-Dichtung über Mallarmé hin zur konkreten, visuellen und eben digitalen Poesie.

In der digitalen Poesie - auf dem Festival vor allem durch die kanadische Avatar-Gruppe vertreten - wird die konkrete und visuelle Poesie mit einem am Klang orientierten, in der Tradition Marinettis, Schwitters' oder Jandls stehenden Gedichtverständnis verbunden. Weil in ihr sowohl visuelle als auch akustische Artikulationsformen Verwendung finden, kann sie - anders als ihre analoge Schwester - gleichzeitig hörbar und sichtbar sein. Der Kanadier Christof Migone hat in "La et Le" die gesprochenen Anfangs- und Endlaute sämtlicher Bücher seiner Bibliothek zusammengeschnitten und diese Lautcollage mit den Geräuschen gemischt, die entstehen, wenn man das jeweilige Buch zuklappt oder auf einen Tisch schlägt. So fügt sich das Gedicht erst aus dem gemeinsamen Wirken dieser auditiven Eindrücke mit Bildern zusammen, welche die Bücher zeigen - etwa Genets "Querelle" oder Duras' "Hiroshima mon amour". Das ist ein genuin lyrisches Verfahren im Gewand einer multimedialen Installation.

Dass Lyrik - sobald sie in Verbindung mit Musik oder anderen Medien in Erscheinung tritt - äußerst publikumswirksam ist, hat sich in der Tradition des Poesiefestivals schon seit Längerem herauskristallisiert. So war auch das "e.poesie"-Konzert am Donnerstag restlos ausverkauft. Besonders interessant an solchen Hybridformen ist, ähnlich wie bei der digitalen Poesie, das Spiel mit gegenläufigen Bewegungen und Stimmen.

In der Klangdichtung "Skubriocha" vermischte sich Valeri Scherstjanois Mundraumakrobatik mit den knisternden Geräuschen des niederländischen Komponisten David Kiers. Mal traten sie ein in ein erhellendes Zwiegespräch, mal verstärkten sie einander, was sich mitunter wie eine Mischung aus Schwitters' "Ursonate" und den Stimmexperimenten eines Mike Patton anhörte. Auch Monika Rincks und Mario Verandis Performance "tour de trance" zeigte, wie beglückend es sein kann, wenn der intermediale Dialog gelingt. Da ertönten vom Band Fragmente eines Rinck-Gedichts, "der reißende Raum, präzise und zärtlich vergiftet", unterlegt von sanft blubbernden Sounds, die Verandi in Echtzeit mittels eines mit Tonabnehmern versehenen Aquariums erzeugte. Darin schwammen Papierschnipsel mit Stücken aus Rincks Poem, die gefilmt und auf eine Leinwand projiziert wurden. Sie interferierten mit den Wörtern, welche durch den quadrofonisch beschallten Raum schwappten: "Wie sich alles drehte, wiederholte, dehnte / und rotierte."

Lyrik ist immer eine literarische Extremform gewesen, da sich ihr im Gegensatz zum Roman oder Drama nicht die Möglichkeit bietet, mangelnde sprachliche Perfektion durch eine spannende Handlung oder gute schauspielerische Leistungen auszugleichen. Doch in dieser Absolutheit besteht - das hat sich im Verlauf des Poesiefestivals immer wieder gezeigt - gerade ihre Chance. Denn dadurch, dass sie nichts erzählen muss, kann sich Poesie, vor allem in ihrer digitalen, multimedial verfassten Form, darauf konzentrieren, Welt in einer Weise zu reflektieren, die für andere literarische Formen immer unerreichbar bleiben wird.

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