• 09.07.2007

Jagen mit anderen Mitteln

Hermann Parzinger tritt 2008 als neuer Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz an. Als Visitenkarte seiner Arbeit als Archäologe gilt die große Skythen-Ausstellung, die jetzt in Berlin eröffnete - sie schwelgt in der Faszination für Barbaren mit Stil

VON BARBARA KERNECK

Dem geschickten Jäger läuft das wilde Tier von selber zu. Dieses Sprichwort könnten die Russen von den Skythen geerbt haben. Es passt in die Welt jener ersten Reiternomaden, die von etwa 800 bis 200 vor Christus vom Jenissei bis an die Oder und im Süden bis ans Schwarze Meer mit ihren Herden umherzogen. Die Rolle des geschickten Jägers ist aber dieser Tage auch Hermann Parzinger zugefallen, dem Direktor des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI). Sein größter Traum war fast verwirklicht, die Skythenausstellung "Im Zeichen des Goldenen Greifen" im Gropius-Bau stand kurz vor ihrer Eröffnung, als der 48-Jährige im Juni zum neuen Präsidenten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz gewählt wurde. Einstimmig.

Geschicklichkeit will bekanntlich erworben werden, und Parzinger übte sich früh als Meister seines Faches. 1991 habilitierte er sich mit einer Schrift zur Kulturgeschichte der Jungstein-, Kupfer- und Bronzezeit zwischen Karpaten und Taurus. Er war erst 36 Jahre alt, als man ihn zum Gründungsdirektor der ersten Eurasien-Abteilung des DAI ernannte, und mit 43 Jahren wurde er DAI-Präsident. Daneben machte er sich als Archäologie-Praktiker einen Namen. Krönung seiner Feldforschungen war im vergangenen Jahr die Entdeckung einer antiken Eismumie, eines skythischen Kriegers in der Mongolei.

Um seinen Traum von einer alle skythischen Kulturen umfassenden Ausstellung zu realisieren, versuchte der Prähistoriker jahrelang verzweifelt, Gelder lockerzumachen, als geschickter Public-Relations-Mann fütterte er Journalisten immer wieder mit saftigen Details über seine sensationellen Funde. Letztlich konnte er seine Ausstellung mit öffentlichen Mitteln realisieren. Aber vor allem seine bisherige Politik hinter den Kulissen qualifiziert ihn nun zum Chef einer der größten Kultureinrichtungen weltweit. Nur dank seiner Diplomatie bekam er jetzt für die Ausstellung empfindliche Exponate aus sechs Ländern. Russisch, Kasachisch, Mongolisch und Iranisch waren nur einige der Sprachen, die bei der Eröffnungsparty am vergangenen Mittwochabend erklangen. Parzinger konnte bei allen Grüppchen mitreden, er spricht zehn Sprachen.

Sein diplomatisches Geschick will Parzinger ab 2008 als Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz weiterhin verstärkt einsetzen. An der Intensivierung der auswärtigen Beziehungen der Stiftung ist ihm sehr gelegen, besonders der zu Russland. Unter seiner Ägide schloss auch das DAI bereits 1996 einen ersten Kooperationsvertrag mit der Eremitage. Seitdem hat Parzinger, sozusagen im Schatten der Raubkunststreitereien, leise eine stabile Arbeitsbeziehung zu den Russen etabliert, nicht zuletzt zu sibirischen Archäologen. Ein weiteres zentrales Anliegen ist ihm angesichts des globalen Klimawandels die beschleunigte Bergung weiterer Eismumien. Um sie bangt er, tauen doch im Altai und anderen Hochgebirgen der Welt die Gletscher ab. So strebt Parzinger nach einem weltweiten Abkommen, das die Bergung solcher Funde unter Unesco-Ägide schneller möglich machen soll.

Der bärtige Exot unter den Kulturmanagern trägt also nicht umsonst den akademischen Titel Dr. Dr. h. c. mult.; er ist tatsächlich ein Mann der multiplen Begabungen. Als Judoka trägt er den schwarzen Gürtel, und auch schauspielerisches Talent ist ihm nicht abzustreiten - besonders gut vermag er sich selbst als einfachen Naturburschen darzustellen, für den bescheidenes Auftreten und flache Hierarchien einfach eine Frage des guten Stils sind. Als Teamleiter bei der Feldforschung karrt er gern mal Kartoffeln und Gemüse im Landrover herbei, um sich anschließend auch selbst am Schälen zu beteiligen. Auf keinen Fall aber neigt Parzinger zur Selbstunterschätzung. Seinen internationalen Ruhm begründete er 2001 mit der Entdeckung eines skythischen Fürstengrabes, aus dem er über 9.000 Goldobjekte zutage förderte. Als ihn die Presse nach dem Fund von Arschan häufig als "zweiten Schliemann" bezeichnete, protestierte er: Für ihn sei dieser Fund wichtiger als Schliemanns Troja. Dass Hermann Parzinger jetzt seine Berufung parallel zur Eröffnung seiner Skythen-Ausstellung feiern kann, ist also nur folgerichtig.

Der Begriff "Skythen" ist ebenso ein Sammelbegriff für verschiedene Stämme wie etwa "Germanen". Die skythischen Stämme verband außer einem exzessiven Totenkult ein Leben als Nomaden mit Pferdeherden und der Gebrauch der modernsten Fernwaffe jener Zeit. Kunstvoll verleimten sie Tiersehnen mit Knochen und Holzstreifen zu diesem sogenannten "Kompositbogen". Diese Waffe machte die Skythen zum Schrecken der Antike. Den Krieg betrieben sie als Fortsetzung der Jagd mit anderen Mitteln - sie überfielen ihre Gegner blitzartig nach Partisanenmanier.

Ihre riesigen Grabstätten in den eurasischen Steppen, die Kurgane, sind Zeugnisse einer extrem privilegierten Herrschaftsschicht, die auch noch fürs Jenseits mit Waffen und Statussymbolen ausgerüstet wurde. Für den größten antiken Skythenspezialisten, den Geschichtsschreiber Herodot, waren die Skythen Barbaren: Sie skalpierten ihre Feinde, tranken den Wein unverdünnt und berauschten sich in kleinen, abgedichteten Zelten an verbrennenden Hanfsamen. Die Grablegungen der Fürsten beschreibt Herodot als gewaltige Inszenierungen, bei denen auf den Kurganen riesige Feuer entfacht und die Hauptfrau des Verstorbenen ebenso wie ein Teil seines Gefolges erwürgt wurden, um ihm ins Jenseits zu folgen. Die moderne Archäologie hat all dies bestätigt.

Doch diese Barbaren hatten Stil. Die Eisgräber der Pazyryk-Kultur, benannt nach einem gleichnamigen Tal im Hochaltai, zeigen uns mit den erhaltenen Stoffen und organischen Gegenständen, was die Griechen verschwiegen: den unerschöpflichen Durst skythischer Stämme nach Schönheit. Geradezu hyperaktiv veredelten ihre Schöpfer alle Gegenstände, beschnitzten, bestickten, bemalten und vergoldeten sie oder versahen sie mit bunten Filzapplikationen im berühmten skythischen Tierstil. Schneeleoparden, Greifen, Schlangen und viele andere Tiere zieren als Schnitzereien oder aus Filz geschnitten Kult- und Gebrauchsgegenstände und die Haut der dort entdeckten Mumien. Wie die Natur als endloser Film an den nomadisierenden Skythen vorbeizog, so verschlingen sich diese Tiere zu einer geballten Masse Leben.

Eine neue Periode in der Erforschung dieser Gräber begann 1992, als die sibirische Archäologin Natalja Polosmak an der russisch-mongolischen Grenze die sogenannte "Eisprinzessin" entdeckte. Diese im Alter von 25 Jahren verstorbene Zeitgenossin des Perikles (um 450 v. Chr.) arbeitete vermutlich als Schamanin. Sie war kahl geschoren, doch vorsorglich hatte man ihr außer ihren sechs Pferden auch eine kunstvoll geflochtene und geschmückte Perücke in einem passenden Reisefutteral mitgegeben. Gekleidet war sie in einen Wollrock mit breiten rot-gelben Blockstreifen, eine Naturseidentunika und prächtig bestickte Filzstiefel.

Schon dies macht die Skythenausstellung im Gropius-Bau zu einem epochalen Ereignis. Sie zeichnet den Zug der Skythen aus Zentralasien bis an die Grenzen Europas Raum für Raum nach und stellt unsere Vorstellungen von Geschichte auf den Kopf. Denn jene Reiternomaden waren keine Mongolen. Deswegen führten die ersten Mumienfunde auch zu wilden Spekulationen: Man vermutete antike Karawanen von Westeuropäern in Richtung China. Doch die Forschungen ergaben: Eben diese Gegend kurz vor der Grenze zu China war die Heimat solcher "Europäer", die sich von hier aus wegen Klimaveränderungen nach Westen verbreiteten. Obgleich Nomaden, verfügten sie über eine eigene Architektur, die sich in den von einem komplizierten Balkenwerk gestützten Kurganen manifestiert. Schwere bestickte Prunkgewänder und goldglänzende Repräsentationsutensilien weisen darauf hin, dass es in ihrem kriegerischen Alltag auch geruhsame Momente gab, während derer sie behäbig einherschritten, ihre 70 Zentimeter hohen Filzhüte auf dem Kopf.

"Im Zeichen des Goldenen Greifen: Königsgräber der Skythen", bis 1. Oktober im Berliner Martin-Gropius-Bau Infos: www.smb.museum/skythen

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