• 26.06.2000

Hochzeit für die Homo-Szene

500.000 Lesben und Schwule kamen am Samstag zum Christopher Street Day in Berlin. Die von
Rot-Grün geplante Verbesserung des Rechtsstatus homosexueller Paare kam für viele überraschend

von KATHRIN CHOLOTTA

Irgendwie ist dieses Jahr alles ein Stück perfekter. "Die Wagen werden immer größer, die Ausschmückungen immer aufwendiger", kommentierte Ethnologiestudent Jasper Stein die ChristopherStreet Day Parade am Samstag duch Berlin, "wie eine große Show". Mit der Rekordzahl von wohl 500.000 TeilnehmerInnen machte das alljährliche Homo-Event den von Jürgen Bienek, Pressesprecher des Organisatorenteams CSD e. V., erhofften "Quantensprung".

Den Absprung vom Massenevent suchte dagegen "Basis 69". Der frisch gegründete Zusammenschluss aus 13 Projekten und Gruppen scherte aus der Parade aus und zog nach Kreuzberg, um dort den eigenen CSD zu feiern.

Basis 69 unterstützt auch nicht die Forderung nach eheähnlicher Gleichstellung homosexueller Paare, auf die sich die rot-grüne Koalition am Freitag überraschend geeinigt hat. Das veraltete Modell der Ehe schließe diejenigen aus, die nicht in dieser patriarchialen Form leben wollen, hieß es aus den Lautsprechern ihres Wagens.

Im Abstand von nur wenigen Metern folgte das Transparent der Gegenseite: für die Homo-Ehe. Dass sich diese Forderung aufgrund des Regierungsbeschlusses nun fast erledigt habe, sahen viele Lesben und Schwule am Samstag nicht. "Das war doch wahlkampftechnisch völlig clever", meinte ein Teilnehmer kritisch, "außerdem ist es doch nicht das erste Mal, dass so ein Entwurf erarbeitet wurde."

Gefeiert wurde die Neuigkeit wenig. Überhaupt schien die Nachricht am Samstag noch nicht gänzlich bis zum Homo-Volk durchgedrungen zu sein.

Für die geplante eingetragene Partnerschaft von Homosexuellen hat die rot-grüne Koalition unterdessen die Unterstützung der Union eingefordert. Justizministerin Herta Däubler-Gmelin (SPD) erklärte am Wochenende, nun könne CDU-Chefin Angela Merkel zeigen, ob sie mit der Diskriminierung anderer Lebensformen Schluss machen wolle. Nach dem Gesetzentwurf, den die Regierungsparteien morgen verabschieden wollen, sollen eingetragene schwule und lesbische Paare zum Beispiel die gleichen Steuervorteile haben wie Eheleute. CDU und CSU hatten erbitterten Widerstand dagegen angekündigt.

Die SPD-Politikerin drängte die Union, ihren Widerstand aufzugeben. Auf Wunsch der Grünen sei das Gesetz so umfassend gestaltet worden, dass die Zustimmung des Bundesrats notwendig werde. Falls die Appelle an die Union nicht fruchteten, werde der Entwurf auf Kernpunkte reduziert. Dann hätte der Bundesrat keine Einflussmöglichkeit mehr. Der Grünen-Rechtspolitiker Volker Beck warnte die Union davor, die Zeichen der Zeit zu verkennen. "Wer hier eine Blockadehaltung einnimmt, wer Millionen Schwule und Lesben einfach links liegen lässt, stellt sich selbst rechts außen an den Rand", erklärte Beck.

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