• 30.12.2003

Barmer-Chef sagt: Sorry

Neuer Skandal um Sozialhilfeempfänger und Barmer. Arme sollten nach Zwickau. Vorstandschef entschuldigt sich: Jeder kann zu uns kommen

VON BARBARA DRIBBUSCH

Mit einer Entschuldigung versuchte die Barmer-Ersatzkasse gestern den Imageschaden zu reparieren, der durch die Berichte über Diskriminierung von Sozialhilfeempfängern entstanden war. Jeder Neukunde, der zur Barmer wolle, sei "willkommen und optimal zu betreuen", erklärte der Barmer-Vorstandsvorsitzende Eckart Fiedler. Die Versuche von Geschäftsstellen der Barmer, Sozialhilfeempfänger davon abzuhalten, in die Kasse einzutreten seien, "eine klare Diskriminierung".

Der Berliner Tagesspiegel hatte zuvor über ein Schreiben berichtet, das von einer Barmer-Geschäftsstelle in Berlin an Sozialhilfeempfänger verschickt worden war, die zur Barmer wollten. In dem Schreiben wurde den Sozialhilfeempfängern mitgeteilt, dass sie in Berlin nicht persönlich betreut werden könnten, weil die Beratung "ausschließlich durch unsere Geschäftsstelle in Zwickau durchgeführt" werde. "Eine persönliche Beratung erfordert demnach eine Anreise dorthin." Die entsprechenden Geschäftsstellen in Berlin müssen auf Anweisung Fiedlers die Sozialhilfeempfänger in Berlin erneut anschreiben und klarstellen, dass sie selbstverständlich durch eine Geschäftsstelle in Berlin betreut werden. In Zwickau, 300 Kilometer von Berlin, hat die Barmer lediglich eine zentrale Abrechnungsstelle für Sozialhilfeempfänger.

Vor dem Berliner Skandal war bekannt geworden, dass die Marketingabteilung der Barmer-Zentrale an die regionalen Geschäftsstellen interne Empfehlungen verschickt hatte, Sozialhilfeempfänger und Asylbewerber möglichst davon abzuhalten, in die Kasse einzutreten. Ab 1. Januar 2004 müssen alle Sozialhilfeempfänger in einer gesetzlichen Krankenkasse versichert sein. Die Krankenkassen wiederum scheuen die höheren Verwaltungskosten für Sozialhilfeempfänger. Die Kassen bekommen die Behandlungskosten von den Sozialämtern erstattet und erhalten für die Verwaltungskosten eine Pauschale, die aber nach Angaben der Kassen zu gering ist, um den Aufwand für Sozialhilfeempfänger zu decken.

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