• 11.11.2004

LUFTKREUZ: DER OSTEN SCHLUCKT, WAS DER WESTEN NICHT MEHR WILL

Leipziger Allesrecht

Auf den ersten Blick hat der Osten gewonnen. Nach dem Versandhaus Quelle, nach Porsche und BMW kommt nun die vierte Großansiedlung in den Leipziger Raum. Insgesamt 10.000 direkte und indirekte Arbeitsplätze verspricht die Post-Tochter DHL mit dem aus Brüssel hierher verlagerten Luftdrehkreuz. Für sich betrachtet, kann es nicht schlecht sein, wenn die Arbeitslosigkeit in der Region damit von 18 auf 17 Prozent sinken sollte. Außerdem bekommt auf diese Weise die 1 Milliarde Euro größtenteils öffentlicher Investitionen in den Schkeuditzer Flughafen nachträglich einen Sinn. Der eher müde Urlauberflughafen kam bislang nicht aus den roten Zahlen heraus.

Auf den zweiten Blick aber lautet die Botschaft: Der Osten schluckt, was Brüssel nicht mehr schlucken will. Für Arbeitsplätze ist im Beitrittsgebiet alles recht. Im Standortwettbewerb zählt bei den arbeitsintensiven Cargo-Fliegern das klassische Lohndumping besonders. Hinzu kommen weitere staatliche Subsidien. Postchef Zumwinkel räumt die rein unternehmerischen Aspekte der Entscheidung für Halle/Leipzig auch freiweg ein. Nichts wegen altruistischer Aufbauhilfe Ost.

Am bedenklichsten stimmt jedoch der ökologische Preis, den Leipzig und die sächsische Landesregierung von vornherein zu zahlen bereit waren. Belgien will die lauten MD-11-Frachtflugzeuge nicht mehr, wir akzeptieren sie und vertrauen auf Ohropax. Brüssel beharrt auf dem Nachtflugverbot, bei uns darf es rund um die Uhr vom Himmel donnern. Mehr noch, zwei Dörfer müssen komplett abgesiedelt werden, zu absehbar schlechteren Konditionen als beim Baggerfraß in der Braunkohle.

Wirtschaft und Arbeit schaffen nicht nur Wohlstand, sondern vernichten auch Lebensqualität - nach dem Sankt-Florians-Prinzip selbstredend immer die der anderen. Das Signal, das von dieser Luftkreuzverlagerung ausgeht, deutet in Richtung Expansion und nicht auf sinnvolle Begrenzungsmöglichkeiten. 120.000 Flugbewegungen im Jahr sind eben dreimal mehr als in der jetzt schon lauten Schkeuditzer Region. MICHAEL BARTSCH

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