• 19.01.2006

Trend zur Fläzigkeit

Dieses Jahr hat man auf der Kölner Möbelmesse endlich eingesehen, dass der Mensch es gern behaglich hat

Wer nach Möbeln sucht und behauptet, es ginge ihm oder ihr nur um Kunst und Geschmack, schwindelt, wenigstens zur Hälfte. In Köln, auf der Internationalen Möbelmesse, ist dies zu besichtigen: Menschen in Textilien, die modisch aussehen und bei einem Sofa aus geflochtenem Acryl stehen bleiben und es mit professionellen Augen anschauen. "Krass", mögen sie sagen, auch: "witzig". Die meisten der Besuchenden aber müssen realisieren, dass sie einen Trend bestaunen können, welcher in manchen Restaurants bereits vorgelegt wird: die Neigung zur Holzpaneele, ein Zitat der Hobbykellerhaftigkeit der Siebziger, die Tendenz zum heimeligen, in gewisser Hinsicht analen Braun in allen Spielarten.

Noch bis Sonntag darf man sich auf dem Ausstellungsareal tummeln, um Anregungen zu sammeln. Lust auf einen Wohnungskamin? Auf einen Holzofen? Auf einen solchen gar mit Flachbildschirm, wo sonst ein künstliches Feuer glüht? Oder doch lieber asiatisch inspiriert, fusionsorientiert, aber kulturell eher flach gelegt? Die Oberflächenhöhen der Beistelltischchen jedenfalls scheinen immer niedriger zu werden, so wie man auf Sofas näher denn je dem Laminatboden kommt. Alles Holz, alles gemütlich: Schöne neue Wohnwelt, klasse Sesshaftigkeit in stürmischen Zeiten, Interieurs für das mehr und mehr heimatliche, ja immobil sein wollende Lebensgefühl im Nest, egal ob hetero, homo oder klassisch als Mutter, Vater, Kind.

Dieses Jahr hat man bei den Messeplanern endlich eingesehen, dass der Mensch es behaglich hat. Wohnlandschaftlich, wie einst Schaumstoff Lübke dichtete - keine Sitzgelegenheit mehr, die nur der Kunst verpflichtet ist und seinen Nutzern orthopädische Schäden bereitet.

Bauhausianisch sind viele der Stilvorschläge trotzdem geblieben; klar die Linien, dezent die Farblichkeit - doch die Firmen klagen über einen Mangel an Abschlüssen. Sterilität im Posing ist nicht mehr gefragt; mehr hingegen Inventar, das auf Verschmutzung (mit Brei, Asche, Fett, Krümel) unempfindlich reagiert - wohl der Kinder wegen, wie einzelne Unternehmen einräumen: Bestellungen überall dort, wo eben nämliches Braun ins Alltagspragmatische passt. Utopien? Entwürfe für den aufrechten Gang? Für Menschen mit Sinn für das Neue? Kaum. Man hat wohl eingesehen: Der Mensch ist ein Fläzer, kein Poser. JAF

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