• 27.02.2012

"Formal nicht zu beanstanden"

CHEMIKALIEN Er habe transparent gemacht, wie krebserregende Tenside das Trinkwasser aus der Ruhr belasten, sagt NRWs Umweltminister Johannes Remmel. Und was jetzt?

INTERVIEW ANDREAS WYPUTTA

taz: Herr Remmel, was haben vermutlich krebserregende perfluorierte Tenside, kurz PFT, in der Ruhr zu suchen, die Millionen Menschen mit Trinkwasser versorgt?

Johannes Remmel: Gar nichts, genauso wie viele andere Mikroschadstoffe.

Warum transportiert die Ruhr trotzdem einen Chemikaliencocktail, der auch Röntgenkontrastmittel und Antibiotika enthält?

Die kommen über die Abwässer in die Ruhr. Im Gegensatz zum Rest der Republik gewinnen wir in NRW 60 Prozent des Trinkwassers nicht aus Grundwasser. Stattdessen wird es Flüssen wie der Ruhr oder dem Rhein entnommen …

die auch als Abwasserrohr für Kläranlagen und Industriebetriebe dienen. Bis zu 40 Prozent des Ruhrwassers stammen aus Kläranlagen, ist also flussaufwärts schon einmal durch Toiletten gerauscht.

Das hat historische Gründe. Die großen Talsperren im Sauerland regulieren nur den Wasserstand der Ruhr. Natürlich wäre es besser, wenn Trinkwasserspeicher wie Möhne oder Bigge direkt mit den Wasserwerken verbunden wären, anstatt einfach nur das Ruhrwasser zu verdünnen. Heute würde man die gesamte Trinkwasserversorgung anders konzipieren als zur Hochzeit der Industrialisierung Ende des 19. Jahrhunderts.

Also braucht NRW eine komplett neue Wasserversorgung?

Ein Neuaufbau wäre eine Jahrhundertaufgabe, die jeden finanziellen Rahmen sprengen würde. Das kann niemand umsetzen.

Trotzdem: Sie sind eineinhalb Jahre im Amt. Warum fließen im Ruhrgebiet noch immer Chemikalien aus den Hähnen?

Das Trinkwasser ist formal nicht zu beanstanden, weil kein Grenzwert überschritten wird. Wir haben bereits einiges erreicht, aber einfacher wäre es, wir hätten bundesweit einheitliche Vorgaben. Schon vor einem Jahr habe ich deshalb Bundesumweltminister Norbert Röttgen von der CDU angeschrieben und auf eine Oberflächengewässer-Verordnung mit Grenzwerten für Mikroschadstoffe gedrängt. Leider interessiert das außerhalb von NRW nur wenige: Nur Baden-Württemberg beschäftigt sich aufgrund der Trinkwassergewinnung aus dem Bodensee ebenfalls mit der Thematik.

Und der Christdemokrat Röttgen hat Ihnen nicht weitergeholfen. Noch einmal: Was haben Sie konkret unternommen?

Wir haben überhaupt erst einmal transparent gemacht, was eingeleitet wird. Und wir haben Druck gemacht, dass PFT in Produktionsprozessen durch andere Stoffe ersetzt werden. Bestimmte Stoffe kann man aber nicht an der Quelle zurückhalten: Wir können den Leuten schlecht verbieten, für die Gesundheit notwendige Arzneimittel zu nehmen. Deshalb dringen wir auf der Abwasserseite auf bessere Klärtechnik: In Pilotprojekten wird bereits eine vierte Klärstufe eingesetzt - die sogenannte Ozonierung und den Einsatz eines Aktivkohlebetts.

Diese bräuchte man flächendeckend bei der Wasserentnahme zur Trinkwassergewinnung. Die Ruhr schleppt noch immer bis zu 250 Gramm PFT pro Tag mit sich.

Am Rhein und am Ober- und Unterlauf der Ruhr wird der Stand der Technik schon heute erreicht, auch durch Ozonierung, Aktivkohle, Nano- oder Ultra-Filtration. In Essen investieren die Wasserwerke bis 2013 noch einmal 50 Millionen Euro. An der mittleren Ruhr stehen wir allerdings auf dünnerem Eis.

Weil dort vier Millionen Menschen mit Wasser versorgt werden, das nur ein paar Tage durch Sandfilter gepresst wurde. Warum bekommen die Leute in Dortmund dreckigeres Wasser als in Düsseldorf?

Die Zuspitzung "dreckig" kann ich so nicht stehen lassen. Auch an der mittleren Ruhr werden derzeit keine Grenzwerte überschritten. Aber: Bessere Vorsorge ist sinnvoll, um zu verhindern, dass gefährliche Stoffe nicht ins Trinkwasser durchschlagen.

Die Wasserversorger drohen bereits mit Preiserhöhungen.

Natürlich kostet die Nachrüstung Geld - aber die Trinkwassergewinnung macht nur 20 Prozent des Wasserpreises aus. Der Rest der Gebühren ist auf die Erhaltung der Leitungen zurückzuführen. Nach unseren Schätzungen wird eine vierköpfige Familie etwa 10 bis 15 Cent pro Kubikmeter mehr zahlen müssen. Das sollte uns das saubere Wasser wert sein.



Johannes Remmel

 50, ist seit 2010 Minister für Klima, Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz des Landes Nordrhein-Westfalen.



Risiko Trinkwasser

  Der Skandal: Im Mai 2006 fiel eine hohe Konzentration an perfluorierten Verbindungen (PFT) im Wasser der Ruhr auf. Ermittlungen ergaben, dass diese von landwirtschaftlichen Feldern in den Fluss gelangt waren. Derzeit müssen sich sechs Angeklagte vor dem Landgericht Paderborn verantworten, die industriellen Klärschlamm aus Belgien importiert, mit Dünger vermischt und an Landwirte verkauft haben sollen. PFT werden etwa für atmungsaktive Textilien verwendet. Sie stehen im Verdacht, Krebs zu verursachen.

  Der Stand: Anfang Februar stellte der grüne NRW-Umweltminister Johannes Remmel einen Expertenbericht vor, nach dem das Wasser der Ruhr weiterhin verunreinigt ist. Remmel muss sich nun mit Vorwürfen auseinandersetzen, die Wasserwerke nicht schnell genug nachrüsten zu lassen.

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