Seit einer Woche fahndet die Berliner Polizei öffentlich mit Fotoplakaten nach 85 mutmaßlichen Steinewerfern des 1. Mai. Mit welchen Methoden dabei vorgegangen wird, erlebte am vergangenen Samstag der 21-jährige Sascha W. aus Kreuzberg. Der freie Journalist wollte in Kreuzberg-Friedrichshain über die Spaßdemonstration "Berlin wird sauber - Werthebach for President" berichten, an der sich knapp 50 Menschen beteiligten. "Plötzlich kamen vier Polizisten auf mich zu und sagten, dass ich in ihr Einsatzfahrzeug mitkommen solle," berichtet Sascha W. Sein Verhängnis: Er trug eine rot-weiß gestreifte Adidas-Jacke.
Sascha W. wurde eröffnet, er sei identisch mit Foto Nr. 7 des Fahndungsplakats, das einen Zigarette rauchenden jungen Mann in rot-weißer Sportjacke zeigt. Alle Proteste des Festgenommenen, er werde verwechselt, halfen nichts: Sascha W. wurde zum Polizeipräsidium am Tempelhofer Damm verfrachtet. "Im Einsatzfahrzeug scherzten die Polizisten, dass sie der Staatskasse durch meine Festnahme die Auszahlung von 1.000 Mark Belohung erspart hätten", erinnert sich W. Während der folgenden Vernehmungen hätten weitere Beamte Fotomappen gewälzt und darauf bestanden, dass er mit der gesuchten Person auf dem Foto identisch sei.
Der Vorwurf: Landfriedensbruch in besonders schwerem Fall. "Immer wieder wollten die Polizisten ein Geständnis von mir hören, dass ich Steine geschmissen hätte", empört sich W. Seine Beteuerungen, er sei am 1. Mai lediglich als Journalist tätig gewesen, wurde mit Gelächter und der Ankündigung quittiert, ihn einem Haftrichter vorzuführen. W. sagt auch, er sei mit den Worten: "Wenn Sie wegrennen, müssen wir schießen" von zwei Beamten bedroht worden, die ihn in Handschellen und Dienstfahrzeug vom Präsidiumsneubau zum knapp einhundert Meter entfernten Altbau des Polizeipräsidiums am Flughafen Tempelhof brachten.
W.s Verzweiflung wuchs, als ihm Bettzeug in die Einzelzelle im Polizeigewahrsam gebracht wurde. "So wie die Beamten alle meine Einwände vom Tisch fegten, sah ich mich schon zwei Wochen in Untersuchungshaft." Umso überraschter war er, als ihm um 22 Uhr ohne weitere Begründung eröffnet wurde, er könne gehen.
Während W. nun rechtliche Schritte gegen die Polizei erwägt, präsentierte die Polizeipressestelle gestern weitere Erfolgsmeldungen der so genannten Öffentlichkeitsfahndung: Bei der Fahndungshotline der Polizei seien 109 Hinweise auf 48 Personen eingegangen. Zehn der wegen Landfriedensbruchdelikten Gesuchten seien inzwischen identifiziert worden - "fast ausschließlich aufgrund der außerordentlichen Resonanz der Bevölkerung", wie Polizeipressesprecher Klaus Schubert gestern betonte.
Dass Sascha W. wegen Foto Nr. 7 irrtümlich festgenommen wurde, sei eine "große Ausnahme". W.s Rechtsanwalt Wolfgang Kaleck hingegen spricht von "einer Menschenjagd mit grotesken Zügen". Die Vorbehalte von Bürgerrechtsgruppen hinsichtlich der Öffentlichkeitsfahndung hätten sich somit bestätigt.
HEIKE KLEFFNER
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