von NICK REIMER
"Das Kioto-Protokoll lebt. Der lange Marsch kann beginnen", hatte der umweltpolitische Sprecher der Grünen im Bundesrat, Reinhard Loske, kurz nach der Unterzeichnung gejubelt. Gestern also die ersten Schritte: Die Umweltschützer humpelten, Russland baute neue Hürden auf, Fachleute stolperten und die USA liefen weiter stur in die Gegenrichtung.
Die Lagebeurteilung der deutschen Regierungsfraktionen fiel unterschiedlich aus. "Bonn war kein Klimagipfel, sondern in Wahrheit ein Gipfel wirtschaftlicher Interessen, der sich auch mit Klimaschutz beschäftigt hat", urteilte SPD-Fraktionsvize Michael Müller. Das Ergebnis sei "kilometerweit" vom Klimaschutz entfernt. Auch Loske machte "bestenfalls einen ersten kleinen Schritt" aus. Anders als Müller wertete der Grüne das Regelwerk aber als großen Fortschritt.
Wenige Stunden nach der als Erfolg gefeierten Einigung alarmierte Russland noch einmal die Klimaschützer: Berater des Präsidenten Putin erklärten, man sei doch noch nicht zur Ratifizierung des Kioto-Protokolls bereit. Damit stand der gesamte Kompromiss wieder auf dem Spiel. Beobachter werteten das russische Vorgehen als Versuch, noch schnell wirtschaftliche Vorteile herauszuschlagen. Bis Redaktionsschluss wurde gestern nicht klar, wie die Russen ihre Hürde eigentlich meinten.
Klarer hingegen fiel das Urteil der Fachleute aus. "Eine Begrenzung auf 2 bis 3 Grad können wir erreichen, aber es geht nicht mehr darum, den Klimawandel ganz zu verhindern", beurteilte etwa der Potsdamer Klimaforschers Stefan Rahmstorf das Bonner Ergebnis. Prognosen hatten bei weiterer Steigerung der weltweiten Treibhausgas-Produktion einen Anstieg von bis zu 6 Grad in diesem Jahrhundert vorausgesagt.
Die Umweltverbände waren zwar erleichtert, dass es überhaupt zu einer Einigung kam, verrieten allerdings Bauchschmerzen. Der BUND bezeichneten das Ergebnis als "ultralight", Greenpeace kritisierte die vielen Schlupflöcher des Protokolls. NABU-Chef Jochen Flasbarth nannte das in Kioto vereinbarte Reduktionsziel "nicht mehr realistisch".
Bleibt noch der Klima-Schmutzfink USA. Durchaus bewusst sei sich sein Land des Problems, erklärte gestern US-Außenminister Colin Powell nach Gesprächen mit dem japanischen Ministerpräsidenten Junichiro Koizumi. Aber der Bonner Kompomiss sei für die USA überhaupt nicht akzeptabel. Er hoffe, dass die USA beim nächsten Klimatreffen im Oktober in Marrakesch neue Ideen vorstellen könnten, sagte Powell. Das könne aber auch bei anderer Gelegenheit sein.
Nach der diplomatischen Einigung setzten sich gestern in Bonn die Regierungsbeamten wieder an den Tisch, um die juristischen Details und Verfahrensfragen auszuarbeiten. Bis zum Freitag wollen sie erst mal tagen. Und vielleicht schon ein paar Steine auf dem langen Marsch aus dem Weg räumen.
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