von ULRICH SCHULTE
Vom Aussterben bedroht sind sie nicht - die Jungökonomen, die in Fabrik- oder Büroetagen fleißig Arbeitsplätze schaffen. Aber sie werden weniger. Dies geht aus dem neuen Gründerindex der Bürgschaftsbank Berlin-Brandenburg hervor. Seit vier Jahren werden die Gewerbean- und abmeldungen in dieser Form statistisch erfasst.
"Das Gründungsklima hat sich deutlich abgekühlt", fasste Bürgschaftsbank-Geschäftsführerin Waltraud Wolf gestern zusammen. Laut Index geriet die Hauptstadt im Frühjahr gegenüber dem übrigen Bundesgebiet erstmals ins Hintertreffen. Im April gründeten von 10.000 Berliner Berufstätigen durchschnittlich 10,6 Personen eine eigene Firma. In ganz Deutschland waren es immerhin 12,1 von 10.000. Die Zahl der Existenzgründungen lag im ersten Quartal 2001 rund 7 Prozent unter dem Wert des Vorjahres.
Den Rückgang begründet Klaus Semlinger, Professor an der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft, mit dem Einbruch des Neuen Marktes und einer Desillusionierung von Gründungswilligen. Die Entwicklung der letzten beiden Jahren sei überzogen gewesen. Geschäftsführerin Wolf verwies zudem auf die geringe Kaufkraft der Berliner: "Unternehmen brauchen jedoch Kunden in der unmittelbaren Umgebung."
Die meisten neuen Firmen werden in den Bezirken Neukölln, Charlottenburg und Prenzlauer Berg gegründet. Zieht man die Pleiten ab, verzeichnet Mitte den größten Zuwachs: Hier kamen im letzten Jahr fast 800 neue Unternehmen dazu. Unternehmer, die im Ostteil Berlins ihr Glück suchen, sind laut Index erfolgreicher. Dort überlebt jede fünfte Firma, im ehemaligen Westen ist es nur jede elfte. In allen Bezirken liegt bei den Neugründungen die Dienstleistungsbranche vorn.
Die vorsichtige Stimmung überträgt sich auch auf die Geldgeber. "Die Banken halten sich im Gegensatz zum Anfang der 90er-Jahre zurück", sagte Herbert Müksch, ebenfalls Geschäftsführer der Bürgschaftsbank. Für Geldinstitute sei wichtig, Firmenidee und Eignung der Unternehmer richtig einzuschätzen wofür Assessment-Center für Existenzgründer denkbar seien. Wirtschaftsprofessor Semlinger schlug vor, die Vernetzung zwischen Gründern und etablierten Unternehmern zu fördern. "In Berlin gibt es zu viele Einzelkämpfer."
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