von KLAUS THEWELEIT
Because something is shown here
But you don't know what it is
Do you, Mr. Bones?
. . . Frauenhände über einer Schreibmaschine . . . artifizielle Geräusche auf dem Soundtrack . . . nicht einfach: Schreibmaschinengeklapper . . . in Nahaufnahme das eingespannte Papier . . . Listen, Kolonnen, Zahlen.
Die Hände einer Sekretärin füllen
vorgedruckte Spalten aus.
Rubrik Zahnfüllungen:
15.371 in Gold . . . Haare: 469 Kilo . . . Schuhe ca. 30.000 Paar . . .
Sie scherzt mit einer Kollegin
packt ihr Frühstücksbrot aus -
dann eine Reemtsma zwischen die Lippen . . .
. . . und: die Arbeiter in den Schuppen . . . das Einpacken, Adressieren, Verschicken . . . die Fahrzeuge, die Post, die Empfänger . . . die Weiterverwerter in den Alltagsindustrien:
- ein paar hingeworfene Bemerkungen Jean-Luc
Godards
zu einem nie gemachten Film über die Lager.
Wie anders das Unzeigbare zeigen?
Den unternehmerischen Großversuch der Deutschen,
Arbeiter sich überall zu nehmen,
aber weder zu bezahlen noch zu ernähren
und alles, was nicht "passt", hinwegzuselektionieren.
Nochmal die Leichenberge aus Nacht und Nebel
Mit Eislers elegischer Musik? . . .
Es blieb bei Überlegungen.
(. . . wohl auch, weil Lanzmann dann zeigte,
was zu zeigen war.)
Oder Jerry Lewis' Idee -
Ein Clown in den Camps
Auf seiner Odyssee
Zwischen Treblinka und Ithaca.
Sicher hätte es was zu lachen gegeben.
- wie ein Mahnmal
"zu denken" geben soll, sicher.
"Aber wie das Uninszenierbare inszenieren?"
Nicht einmal seinem Körper war dies abzuringen.
Nie gedreht.
Es blieb bei der Idee.
Oder Hitchcock.
Seinen schönsten Mord zeigte er nie:
. . . den Toten, der am Ende des Fließbands
aus dem fertig montierten Auto fällt
In Detroit bei Ford.
. . . &, natürlich, Jochen Gerz, der Schlaue:
Mahnmäler in die Unsichtbarkeit versenkt.
KONZEPT:
DAS UNSICHTBARE
ODER DAS
NIE PRODUZIERTE WERK.
Bernd Völkles kleines Würfelpaket:
sieben quadratische Leinwände,
gespannt auf Holzrahmen,
die Oberflächen zueinander gedreht,
fest miteinander verklebt,
nur die Rückseiten und die Ränder,
farbverschmiert, sind zu sehen.
Außendrum zusätzlich ein Stahlband,
wie in der Spedition.
Wer wissen wollte, was "auf den Leinwänden war",
müsste mit der Zange da ran,
mit Messer und Säge
und würde nur erhalten
den eigenen Akt der Zerstörung.
Glauben Sie denn, Gerz' Vorschlag der 39 Säulen
mit 39-mal "Warum"
in 39 europäischen Sprachen
plus Eingravierung der ausgewählten Antworten
im Beton des Platzes
- zu komplettieren im Lauf der nächsten 50 Jahre -
zielte auf so etwas wie "Verwirklichung"?
Nie und nimmer. So klug
Kann keine Jury sein.
Nun Rudolf Herz und Reinhard Matz:
Dass etwas erfahrbar gemacht werden soll
durch eine Art Unsichtbarmachen
sagt schon ihr Titel: "Überschrieben".
Was soll "überschrieben" werden?
Nicht jüdische Vermögen
(wo es noch einiges zu entziffern gäbe)
Nein, Autobahninschriften
Damit sie lesbar würden
Als Grabinschriften
Für die ermordeten Juden Europas.
Was man eine "bestechende Idee" nennt, also -
Aber "realisieren"?
Sie werden doch nicht wollen,
nicht im Ernst, meine Herren,
dass Millionen deutscher Autofahrer
die Millionen umgebrachter Juden
mit ihrem Flücheschwall
noch einmal neu bedenken
Wenn sie, gezwungenermaßen,
Ihr allerliebstes Kind
Ihr gleitendes Autotechnomobil
Über 1 km Granitpflaster
Quälend holpern lassen sollten?
Das geht an die Stoßdämpfer,
die geschichtlichen,
das geht an die Bewältigungs-Nieren
& ist gewiss nicht ganz der Weg
vorzustoßen ins deutsche Hirn
oder gar das autonome dt. Herz.
- um dann wieder aufs Pedal zu gehen
wenn das Holperstück vorüber ist.
Das können Sie nicht wollen,
Matz & Herz, nein, das nicht - - -.
Aber ein besonders schönes Stück
auf der Liste der nie zu verwirklichenden Werke
werden Sie geliefert haben:
ein Schlag in die Psyche der Lenkernation,
in den flotten Neuronenkern
und seine Bahnungen,
hinein in der Deutschen weg-asphaltierte Emotion.
- exakt wie Godards Sekretärinnenhände
Wie Jerry Lewis' polnischer Clown an der Rampe.
Schon die Betonplatte mit den Namen der Opfer,
projektiert und nicht gebaut,
- verworfen vom Schönheitsempfinden
eines empfindsamen Saunafans -
:Ist nicht gerade sie
eingelassen dadurch in unsere Vision?
& zusätzlich
versehen mit passendem Namen:
als "fußballfeldgroßes Mal unserer Schande",
kreiert von einem mondkratermäßigen Dichterfürsten
ist sie nun Denkmal für die Abgründe
eines tennisfeldgroßen Kanzler-Kloßes
"Kohls place for ever"
mit einer Latte
ewig unleserlicher Dunkelnamen drauf.
Es ist eben nicht das
"Now Or Never"
beim Errichten
der sog. Denk- oder Mahnmäler.
Zu Walsers Fußballfeld
- über das Ignatz Bubis davonging in die Unsichtbarkeit,
selber ein Denkmal -
schlug ich vor Jahren vor,
man möge die Namen von Tätern dort eingravieren
- statt die Platte mit den Namen
der Gefolterten, Vergasten und Verbrannten zu
beschriften.
Das Namenspotenzial also der Anschriftenregister
der reichsdeutschen Einwohnermelde-
und Ordnungsämter.
4.000-mal Koch, 6.000-mal Müller,
wie im Verkehrs-Sünden-Register Flensburg.
Das käme einer "Wahrheit" nahe.
Zwar auch Himmler, Heinrich, persönlich zu vermerken,
aber ca. 769 weitere Himmlers ebenso.
Nicht jede(n) H., selbstverständlich,
es gibt auch Unbeteiligte dieses Namens.
Aber nun nachzulesen hier,
Von deutschen Füßen zu begehen,
Ein Berliner Betonweg in ein Gefühl,
die Scham.
Auch dieser Vorschlag war völlig "ernst gemeint"
Wie die von Herz, Matz, Gerz und manchen anderen.
Aber:
Zu verwirklichen doch nicht
Im Sinn einer Bauausführung.
Bewahre!
Dies Denk-Mal existiert bereits
In meinem Kopf
In ein paar anderen.
In diesem Moment in einigen mehr.
Die Autobahnschilder "Überschrieben"
Sind längst schon in Betrieb
Oder aber nie.
Wer sie gesehen hat
Bringt sie unter
Von nun an bis immer
In jedem blauweißen Autobahnschild
Vor jedem tatsächlichen Autobahnkreuz.
Ernst wars mir auch, lange her, mit dem Satz:
"Nur noch Gedichte nach Auschwitz".
Aber "umzusetzen" doch nicht.
Auch Fußballergebnisse und Gehaltslisten
Strafzettel und Liebesbriefe müssen sein
Und der weitere Schrott der Gutenberggalaxis
Von wem zu stoppen denn -?
Denkmalssätze nun. Sätze
Von (un)angebrachten Verdikten
Oder falschen Fundamentalismen
Wie mans nimmt:
Jedenfalls etwas zu
Adornos relativity.
Etwas anderes als
Mahnmale für Staatsbesucher
Die Bittburgen für die Reagans und Kohls
Die Schröders und Clintons, Diepgens und Al(b)rights -
Die Zwangs-Sichtbaren
Mit den steinernen Seelen
An den Wortabwurfstellen
Offizieller Trauer-Deponien.
*****
Dabei gibt es Verwirklichbares
Auch im Sichtbaren
ganz einfach
und deshalb
nicht gemacht:
- das Kino-Denk-Mal
das Lanzmanns Shoah zeigt
24 Std. am Tag das ganze Jahr,
möglich in vielen Städten, und sogar bezahlbar.
Daneben das Kino mit Syberbergs Hitlerfilm,
ebenfalls 24-stündig, immer von vorn
- ein drittes zeigt, Tag und Nacht,
Aufzeichnungen von Überlebenden der Shoah,
aus Spielbergs und anderen Foundations,
unbearbeitet.
- um nur einen kleinen Anfang zu machen
mit der Liste der wünschenswerten
und machbaren Dinge.
So viele vernünftige
auf der Hand liegende
und leicht zu realisierende Formen
der Forderung Primo Levis nachzukommen:
"Zeugnis abzulegen"
vom Unzeigbaren.
Dass es, auch wenn gezeigt,
unzeigbar bleibt,
liegt in der (Un)Natur der Sache:
liegt im Versuch so vieler Menschen des 20. Jhds.,
Deutscher u. Österreicher,
die "Idee Mensch" selber auszurotten.
Dies ist der Schirm, der Monitor,
Vor dem sich alles Denken,
Alle Wahrnehmung, Alles Empfinden
Derer abspielt, die das angeht.
Wer all das "realisiert" haben möchte
In Eisen, Stein, Beton, Farbe, Blech
In Kommissionsvoten & Regierungsbeschlüssen
Soll auch verewigt werden
In Tafeln auf dem Platz
In einer Liste Neuerer Täter
Unschuldiger Täter
Die nichts taten
Als an das Gedenken zu denken
Das sie den ermordeten Juden zu geben bereit waren
In einem Mahn- und Denkmal großen Stils.
Damit dieser leidigen Angelegenheit
Nun endlich Genüge getan wäre
Nach Zwangsarbeiter-"Entschädigungs"-Modell -
"Und keine weiteren Ansprüche, bitte,
Aus Amerika oder sonst woher"
Sonst lassen wir das Ding
Noch platzen.
*****
Im Wort Israel
Steckt eine Antwort
die das Wort sich selber gibt:
Israel is real
Unsere Realität dagegen
Liegt im Unverwirklichten
Liegt im Bleibenlassen
Dessen was Bleiben will
Und sehen, ob es hier leben kann
Unbe(ob)achtet.
*****
And you say "impossible"
As (s)he hands you a bone.
Freiburg, Juni 2000
Das Archiv der taz enthält die meisten seit 1986 gedruckten Texte sowie die Artikel der deutschsprachigen Le Monde diplomatique seit 1995.

Wollen Sie taz-Texte im Netz veröffentlichen oder nachdrucken, dann wenden Sie sich bitte an unsere Abteilung Syndikation: lizenzen@taz.de.
Hier finden Sie alle seit Juni 2007 auf taz.de erschienenen Beiträge.
Das kostenpflichtige Archiv der gedruckten tageszeitung mit allen Texten seit 1986 finden Sie in der Volltextsuche der taz.