BERLIN taz
"Früher hätte man gesagt: Das waren die Russen", sagt eine Redakteurin, als die taz-Belegschaft fassungslos vor dem Fernseher steht, der das Bild der brennenden Symbole der USA zeigt. Wenn früher an allem "die Russen" schuld waren, dann deshalb, weil der Kalte Krieg der beherrschende Konflikt des Erdballs war. Wer könnte heute daran interessiert sein, das World Trade Center, das Pentagon, das Weiße Haus anzugreifen? Seit dem Fall der Mauer hat sich die Zahl der kleinen Konflikte vergrößert, die der großen jedoch verkleinert. Auch die Zahl derer, denen man zutrauen könnte, eine solch hohe Anzahl von Anschlägen zu finanzieren und durchzuführen, ist nicht eben hoch. Dass ein Rechtsextremist wie im Falle Oklahoma so viele Zerstörungen anzurichten in der Lage sein soll, ist schwer vorstellbar.
So konzentrieren sich die Spekulationen auf ein Tatmotiv und auf einen einzigen möglichen Financier: In der heutigen Welt gibt es einen großen politischen Konflikt, der viele Länder befasst, und das ist der palästinensisch-israelische Konflikt. Und es gibt einen Mann, der über Geld verfügt, über Seilschaften und Anhänger in vielen Ländern, und der heißt Ussama Bin Laden.
Die Wahrscheinlichkeit, dass der saudi-arabische Geschäftsmann, der seit Jahren im afghanischen Exil lebt, hinter der Anschlagswelle steckt, ist also relativ hoch, zumal er immer wieder in Interviews seinen Hass auf die USA geäußert hat. Was seinen Wahn gefährlich macht, ist die Tatsache, dass es ihm an Freiwilligen nicht mangelt, die durch den Einsatz ihres Lebens seinen Plänen zur Verwirklichung verhelfen. In Palästina/Israel sehen wir fast täglich, wie klein der Schritt ist von einem Steinwurf, einem Molotowcocktailwurf zu einem Selbstmordanschlag. In der Spirale der Gewalt, die dort täglich mehr anzieht, verliert der eigene Tod für die Palästinenser in dem Maße an Schrecken, wie Wut und Verzweiflung wachsen. Das Gefühl des Grauens und der Verletzbarkeit, in dem die Israelis seit der Eskalation des Konflikts in zunehmendem Maße leben, hat nun auch ihre Schutzmacht, die USA, ergriffen.
Verletzlich sind alle Gesellschaften und ihre Organe. Ein probates Mittel gegen Terroranschläge gibt es nicht. Wenn US-Präsident Bush erklärt, er wolle die Attentäter "jagen", so heißt das nur, dass er auch weiterhin einen Staat mit einer Ranch verwechselt. Nicht die Furcht vor dem Sheriff hindert die meisten Bürger, ihre Interessen durch Terroranschläge durchzusetzen, sondern ihre Überzeugung, dass sich diese Interessen auch auf anderem, weniger blutigem Wege vertreten lassen.
Anders herum: Die Erwartung, gehört zu werden, Recht zu bekommen, muss erhalten und eingelöst werden. Damit Konflikte durch zivilisierte Mittel beigelegt werden und Ussama Bin Laden in seinem afghanischen Kaff versauert. ANTJE BAUER
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