Der traurigste Supermarkt Berlins heißt "Edeka" und befindet sich in der Brunnenstraße. Seine Tür ist leicht zu Verwechseln mit dem Eingang zur U-Bahnstation "Rosenthaler Platz". Meist ist ein schmutziger Rollladen halb heruntergelassen. Die Kunden müssen sich darunter bücken, um das Geschäft zu betreten.
Viele alte Menschen arbeiten bei Edeka. Sie verdächtigen ihre Kundschaft oft des Ladendiebstahls. In den Sommermonaten sind bisweilen auch ausgelassene junge Schülerpraktikantinnen auf Buffalo-Schuhen als Verkäuferinnen zwischen den Gängen unterwegs. Das Überangebot an Personal korrespondiert indes nicht mit dem Warensortiment. Nur wenige Produkte liegen zum Kaufen bereit, viele Regalfächer sind leer, die Beleuchtung ist schwach.
Wegen der knappen Ressourcen an Lebensmitteln wird man in diesem Supermarkt häufig enttäuscht. Joghurtsorten gibt es meist nur in einer Geschmacksrichtung. Wer diese nicht mag, muss warten bis das Kühlregal ausverkauft ist, also auf die neue Lieferung hoffen. All das erinnert einen an Konsumversuche in sozialistischen Ländern. Ich gehe jeden Tag bei Edeka einkaufen, obwohl es billigere Geschäfte in der Umgebung gibt. In westdeutschen Städten betreibt die Edeka-Kette auch Tankstellen.
Andere Menschen in Berlin besorgen ihr Überleben mit einem Gemüse-Abonnement bei lokalen Betrieben des ökologischen Landbaus. Mit einem orangefarbenen Passat Combi bekommt man jede Woche eine Kiste mit Steckrüben von einem lesbischen Bauernhof aus Brandenburg geliefert. Nutznießer dieses Systems essen demnach sehr oft passierte Steckrübensuppe. Südfrüchte werden wegen langer Transportwege und ausbeuterischen Produktionsverhältnissen in den Herkunftsländern abgelehnt. Wer bei den lesbischen Bauernhöfen Milchprodukte bestellt, sollte sich darauf einstellen, dass dort auch das Pasteurisieren von Milch verboten ist.
Die psychologischen Folgeschäden, die solch dauerhaft unzureichende Versorgungstechniken bei den Konsumenten anrichten, sind fatal. Viele ehemalige Gemüse-Abonnenten arbeiten inzwischen bei internationalen Rüstungskonzernen.
Ich selbst habe mir gestern einen neuen Wagen, Schlangenlederstiefel, eine Reise nach Texas, ein Multiplex-Kino, viele Telefone, eine Autobahn, Pelzjacken, teure Drogen, ein Atomkraftwerk, Turnschuhe, Steaks, Rolex-Uhren, Pepsi-Cola, Kartoffelchips,eine Rakete und ein Hotel gekauft. All das hat mich sehr glücklich gemacht. Heute ist jedoch Buy-nothing-day. Übermäßiger Konsum tötet unseren Planeten, sagen die Initiatoren dieses nun schon zum neunten Mal weltweit stattfindenden Feiertags. Wer seinen Planeten unterstützen will, kauft heute einmal nichts. KIRSTEN KÜPPERS
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