Fast alle Filmemacher klagen ständig darüber, wie teuer die jüngste der Künste doch sei. Da bietet es sich an, einmal die Gegenprobe zu machen. Das Filmfest Oldenburg hat im letzten Jahr zwölf junge deutsche Regisseure eingeladen, für jeweils 99 Euro einen etwa fünf Minuten langen Kurzfilm zu machen.
Eine tolle Idee. Der Ehrlichkeit halber muss aber gesagt werden, dass sie nicht ganz auf norddeutschem Mist gewachsen, denn beim "Slamdance-Film-Festival" in den USA gibt es schon seit einigen Jahren "99-Dollar-Specials".
Natürlich hat die dabei entstandene Filmrolle mehr gekostet als 12mal 99 Euro, sonst wäre es auch kaum nötig gewesen, den Film vom "Nord Media Fonds" fördern zu lassen. Alleine das Umkopieren der mit miniDV-Kameras gedrehten Werke auf 35mm-Film kostet einiges.
Trotzdem: Für die Filmemacher und alle Mitwirkenden war es eine Herausforderung, aus "so gut wie Nichts" einen Film zu machen. Prompt kann man im Abspann detailliert nachlesen, wofür die 99 Euro eigentlich ausgegeben wurden: etwa für "Kaffee, Bier und eine Bombe", "Badehosen" oder "55 Tüten Chipsfrisch (23 Peperoni & 22 Ungarisch)".
Qualität, Stil und Thematik der zwölf Kurzfilme sind natürlich extrem unterschiedlich. Es gibt zwei oder drei Totalausfälle, die kaum anzusehen sind. Darunter sind interessanterweise die Filme mit dem öden Drogengerede in "Ich schwöre" von RP Kahl und mit dem albernen Treffen von Popstar und Killer in "So billig" von Daniel Petersens. Beides Versuche, möglichst cool und hip zu wirken, und beide gescheitert. Aber davon abgesehen ist die Filmrolle erstaunlich gehaltvoll und unterhaltsam. Da gibt es in Mark Schlichters "Privat" auf Video dokumentierte Einblicke in die Abgründe einer Wohngemeinschaft. In "Die schöne Fremde" von Frieder Schleich werden die letzten dramatischen Minuten vor einer Eheschließung in Echtzeit inszeniert. Oder in "Mon Cherie" von Nicolette Krebitz mieten sich vier junge Frauen in einer Sommernacht einen Strichjungen für 99 Euro (!), wissen dann aber nicht so recht, was sie mit ihm anfangen sollen.
Solche Momentaufnahmen wirken in dem Kompilationsfilm am besten. Michael Kier hat den Schauspieler Axel Prahl einfach mit Boxhandschuhen und dem Schild "Hauen Sie mir in die Fresse für 20 DM" auf den Berliner Alexanderplatz gestellt und Passanten auf ihn einprügeln lassen. Der Schauspieler Peter Lohmeyer ließ für sein Regiedebüt "Leila läuft" einfach seine Tochter Leila über die Insel Pellworm rennen. Im Grunde nicht viel mehr als ein Homevideo, aber sehr norddeutsch und sympathisch.
Stilistisch am experimentellsten ist Sebastian Beers "TM", der nur aus einer einzigen Einstellung und der Tonspur besteht, die zwar gleichzeitig abgespielt, aber abwechselnd aktiviert werden, so dass das Bild da anfängt, wo der Ton aufhört.
Den meisten Filmen merkt man den Spaß an, mit dem die Filmemacher sich auf diese kleine Form eingelassen haben. Die große Geste wirkt da deplaziert. "Die Selbsttötung der Sara W." von Matthias Glasner etwa, in dem sich eine Filmvorführerin aus Verzweiflung über Hollywood-Blockbuster wie "Titanic" und "Pearl Harbour" für die Filmkunst von einem Dach stürzt, ist eher peinlich als gelungen. Aber bei den meisten Filmen reichte eine originelle Idee für fünf Minuten gutes Kino.
Wilfried Hippen
99 Euro: Für einen Strichjungen, für Kaffee oder haufenweise Chips
Aus "so gut wie nichts" wird ein spannender Streifen für fünf Minuten
Das Archiv der taz enthält die meisten seit 1986 gedruckten Texte sowie die Artikel der deutschsprachigen Le Monde diplomatique seit 1995.

Wollen Sie taz-Texte im Netz veröffentlichen oder nachdrucken, dann wenden Sie sich bitte an unsere Abteilung Syndikation: lizenzen@taz.de.
Hier finden Sie alle seit Juni 2007 auf taz.de erschienenen Beiträge.
Das kostenpflichtige Archiv der gedruckten tageszeitung mit allen Texten seit 1986 finden Sie in der Volltextsuche der taz.