• 22.06.2002

Jenseits von "er" und "sie"

Das Private ist politisch. Für Samira F. ist Transidentität nicht nur individuelle Befindlichkeit, sondern Ausgangspunkt einer Bewegung, die die starren Fronten zwischen Mann und Frau, eigen und fremd, Feind und Freund in Frage stellt

taz: Samira, Sie sind bekannt geworden als "Mann im Rock", der auf Fischer einen Farbbeutel warf wegen dessen Ja zum Kriegseinsatz in Jugoslawien …

Samira F.: Es gab keinen "Mann im Rock", es gab eine transidente Frau aus einem geschlechtsuneindeutigen Raum, eine schwule Lesbe, ein sozialer Zwitter. Als die habe ich den Farbbeutel geworfen.

Spielt es bei einer solchen Aktion eine Rolle, wer man ist?

Als transidente Frau mit Bartschatten bin ich für die Presse keinem Geschlecht zuzuordnen. Hätte dagegen ein Mann diese Aktion gemacht, wäre das Klischee "aggressiver Mann" bedient worden. Und eine eindeutige Frau hätte als hysterisch gegolten. Wenn diese Zuschreibungen nicht mehr stimmen, bleibt Irritation.

Irritation ist Ihnen wichtig?

Krieg baut darauf, dass klare Fronten da sind: Freund/Feind, gut/böse, Zivilisation/Barbarei Mann/Frau. Ich finde es wichtig, aus diesem polaren Denken, den Schubladen, der Herrschaftslogik, auszusteigen. Das polare Denken verunmöglicht andere Sichtweisen auf Leben.

Welche?

Das Dazwischen. Es ist allerdings nicht vorgesehen. Die Welt besteht aber nicht nur aus Freund und Feind, wie uns gerade wieder weisgemacht wird, um uns auf künftige Kriege vorzubereiten. Und in Bezug auf Geschlechterrollen ist ein Dazwischen höchstens als Partygag erlaubt. Gut vermarktet sind jene, die Brüche in den Geschlechterrollen verkörpern, sogar mehr oder weniger anerkannt. Früher in Freak-Shows, heute in der Travestie. Jenseits dieser Kommerzialisierung unserer Subkultur fehlt Widerstand im Alltag, der den Geschlechterdualismen eine Utopie entgegensetzt.

Wie sieht der Alltag einer transidenten Person aus? Bleibt da noch Raum für Utopien?

Natürlich ist der Alltag von Transidenten von unterschiedlichen Schwierigkeiten geprägt. Wie stelle ich mich vor? Welche Toilette benutze ich? Was tun, wenn blöde Sprüche kommen? Um gesellschaftlich anerkannt zu werden, soll unser Geschlecht eindeutig sein. Als einzig akzeptierten Weg bietet man uns an, eine Geschlechtsumwandlung vornehmen zu lassen. Diese Entscheidung haben geschlechtsuneindeutige Kinder noch nicht einmal. Sie werden mit Operationen gewaltsam einem Geschlecht zugeordnet. Was für ein Abgrund. Als wäre der Körper falsch. Und nicht der Zwang, sich zuordnen zu müssen. Die Existenz von Zwittern verweist auf einen gesellschaftlichen Zustand, auf den die Gesellschaft keine Antwort hat. Die haben nicht vorzukommen.

Bleibt die Frage nach den Utopien.

Das wäre eine Gesellschaft, die ein "er" oder "sie" nicht mehr kennt und patriarchale Rollenzuweisungen hinter sich lässt. Aber dafür gibt es kaum Ansatzpunkte, denn selbst die Abweichungen bestimmen sich immer noch an der Existenz von Mann und Frau.

Das klingt resigniert?

Nein. Aber von wem soll ich mich denn anerkennen lassen? Von der Gesellschaft, die nur Mann und Frau kennt und in Heteronormen denkt? Das führt doch nur dazu, was wir derzeit in Bezug auf die Homosexuellen erleben: Homoehe, Fischer auf dem CSD in Köln und Wowereit als Partylöwe. Es ist doch verrückt, dass Schwule und Lesben mal ein Widerstandspotenzial waren und jetzt als Marktlücke bedient werden. Zu befürchten ist, dass sich die Trans-Szene noch schneller vermarktet, als das die Schwulen- und Lesbenszene hingekriegt hat.

Abgesehen von der Vermarktung als vermeintlicher Anerkennung, was kann man lernen, wenn man zulässt, dass es mehr als zwei Geschlechter gibt?

Die Lebensentwürfe zu Frau und Mann sind total eng und reproduzieren Herrschaft. Da gibt es natürlich die Dominanz der Männer, das Problem löst sich aber nicht mit "besserem Mann", sondern mit der Abschaffung der Zweigeschlechtlichkeit. Wenn du im Zwischenraum lebst, spürst du, was alles nicht stimmt. Da spürst du auch, was Freiheit sein könnte.

Wenn die Geschlechterbilder falsch sind, warum haben Sie dann einen Busen oder tragen Nylonstrümpfe und Minirock?

Vielleicht weil die Gesellschaft dies braucht? Vielleicht weil ich es schön finde? Vielleicht habe ich aber auch gerade nichts anderes zum Anziehen? INTERVIEW:
WALTRAUD SCHWAB

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