Auf den ersten Blick bietet sich in der Innenstadt von Caracas das gleiche Bild wie in allen Metropolen Lateinamerikas: Dutzende Straßenverkäufer bieten Raubkopien von CDs oder Videos feil, Heilkräuter und Zauberelixiere, alte Zeitschriften und geschmuggelte Zigaretten. Im Venezuela des Hugo Chávez haben die findigen "buhoneros" zudem eine eigene Produktlinie entwickelt, die trotz allgemeiner Rezession ungewöhnlich lukrativ ist: Kultobjekte der "bolivarianischen Revolution".
Dazu gehört die Verfassung von 2000, 365 Seiten stark und neun mal sechs Zentimeter groß. Die Luxusausgabe mit Ledereinband und Lesezeichen in den Landesfarben gelb-blau-rot kostet knapp vier Euro. Der Renner ist jedoch die blaue Paperback-Version, "Präsidentenverfassung" genannt, weil sie Chávez bei seinen allwöchentlichen Reden an die Nation hin und wieder in die Kamera hält.
Unweit der malerischen Plaza Bolívar, unter deren Bäumen sich allabendlich ältere Chavistas über den "Prozess" plauschen, verkauft José Cordero seit Jahren Poster von Telenovela- und Schlagerstars. Daneben hat er nun Simón Bolívar, Che Guevara und Hugo Chávez im Sortiment - in antiker Aufmachung, mit Präsidentenschärpe oder mit dem roten Barett der Fallschirmjäger.
Besonders freut sich Cordero, wenn es Großdemonstrationen für oder gegen die Regierung gibt, denn in beiden Lagern ist die Nationalflagge gleichermaßen beliebt. Sein Nachbar Oscar Ordóñez hat sich auf CDs spezialisiert. Besonders gut geht der Hit "Volvió, volvió, volvió" ("Er ist zurückgekommen"), der nach dem gescheiterten Putschversuch im April entstand. Hübsch auch der Sampler "Das Volk singt für Chávez", traditionelle Llanera-Musik mit Harfenbegleitung und Texten voll Revolutionspathos: "Der Kommandant aus Stahl" heißt ein Song, ein anderer "Die Morgendämmerung der Hoffnung".
"Wir haben eine Revolution des 19. Jahrhunderts", meint meine Freundin Marisela halb belustigt, halb verzweifelt. Für ihre These spricht die ausufernde, bildhafte Rhetorik des Präsidenten und sein ganz persönliches Pantheon, in das er neben dem Nationalhelden Simón Bolívar den Pädagogen Simón Rodríguez und den Bauernrebellen Ezequiel Zamora aufgenommen hat. Von Bolívar inspiriert ist die Vision eines geeinten Lateinamerika, die er der US-dominierten Globalisierung entgegensetzt. Doch wie der illustre "Befreier" und zahllose seiner Nachfolger ist der egozentrische Chávez ein echter Caudillo und mithin ein potenzieller Despot, wie Gabriel García Márquez einmal schrieb.
Einem Roman des Kolumbianers scheint auch Brigadegeneral Raúl Baduel entsprungen, ein alter Kampfgefährte des Präsidenten, der am 13. April die Rettungsaktion für Chávez anführte. Der fallschirmspringende Vegetarier sammelt Havannazigarren, orientalische Ikonen und Marienstatuen. Und im 15. Jahrhundert hat er schon einmal in Deutschland gelebt, davon ist er überzeugt.
GERHARD DILGER
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