Spionagethriller sind im 21. Jahrhundert etwas aus der Mode gekommen. An die Stelle eines "Reichs des Bösen", das sich geheimnisvoll hinter einem Eisernen Vorhang verbirgt, sind "Schurkenstaaten" getreten. Deren kinematografisch ausgemaltes Feindbild aber ist noch nicht sonderlich entwickelt, beziehungsweise über die karikierenden Abziehbilder schwarzer Diktatoren und wild entschlossener Attentäter noch nicht hinausgekommen. Die Vorlage zu "Die Bourne Identität", der gleichnamige Roman des früheren Bestsellerautors Robert Ludlum, stammt aus dem Jahr 1980. Um sie für die Verfilmung im neuen Jahrtausend zu aktualisieren, hätte es einer Menge Änderungen und damit auch eventuell unliebsamer aktueller Anspielungen gebraucht. Stattdessen haben die Autoren es vorgezogen, das Drehbuch lediglich von veralteten Kontexten (in der Vorlage spielte der Terrorist Carlos eine große Rolle) zu befreien. Das gibt dem Film einen Touch von Zeitlosigkeit: futuristische Momente der Agentenausrüstung, wie sie einem James-Bond-Film entstammen könnten, kommen mit den altmodischen Settings des französischen Polizeifilms zusammen.
In "Die Bourne Identität" ist eine Standardsituation des Genres, nämlich die Ungewissheit darüber, wer Freund und wer Feind ist, beziehungsweise die plötzliche Entlarvung des Spions als Doppelagent, ins Paranoide gesteigert: Der von Matt Damon verkörperte Agent, der den Film über die Identität des Jason Bourne annimmt, ohne sich je sicher zu sein, ob er es ist, weiß nämlich nicht mehr, für wen er arbeitet. Mit zwei Kugeln im Leib und - ominös - der Nummer eines Schweizer Bankkontos in der Hüfte, aber ohne jede Erinnerung, wird er von Seeleuten aufgegriffen und zunächst gesundgepflegt. In der Hoffnung, einen Hinweis auf die eigene Identität zu finden, fährt er in die Schweiz und lässt den Nummernsafe öffnen. Darin befinden sich jedoch gleich ein Dutzend verschiedener Pässe, Währungen und Waffen.
Der Großteil der unter Gedächtnisverlust Leidenden in dieser Situation würde wahrscheinlich davon ausgehen, in irgendeiner Form beim CIA angestellt zu sein. Umso mehr, wenn sich herausstellt, dass man ein paar Fremdsprachen fließend spricht und sich trotz Verletzungspause sehr geschickt mit Martial-Arts-Techniken zu verteidigen weiß. Letztere waren schließlich beim KGB weniger beliebt, der außerdem, siehe oben, nicht mehr ganz so aktiv ist. Matt Damon aber sieht die längste Zeit so aus, als könne er sich von der Überraschung nicht erholen, mehr als einen Pass zu besitzen. Seine völlige Ratlosigkeit über die eigene Identität und die seiner Auftraggeber steht in fast rührendem Kontrast zu den außergewöhnlichen Spezialagenten-Fähigkeiten, die ihn, da er sich ja an nichts erinnern kann, mehr befallen, als dass er sie ausübt.
Da ist es gut, dass Franka Potente als Marie Kreutz auftaucht. Ein german girl, wie es sich der Amerikaner so vorstellt: fährt ein schnuckeliges Auto, redet viel belangloses Zeugs daher, ist aber erfreulicherweise völlig ungebunden und wenig zimperlich. Als der große Unbekannte ihr 10.000 Dollar für einen Lift nach Paris bietet, ziert sie sich denn auch nur sehr kurz. Ab da nimmt der Film seinen genauso vorhersehbaren wie en detail immer wieder überraschenden Verlauf. Die mächtige Organisation will den abspenstigen Agenten liquidieren, während der immer noch versucht, ausgerechnet seine Verfolger zu einer Aussage über seine wirkliche Identität zu bewegen. Als er die Antwort bekommt, hat die Frage jedoch bereits jedes Interesse verloren: Der Zuschauer weiß, Matt Damon ist ein Guter. Sonst hätte Franka Potente ja nicht zu ihm gehalten. Für einen Spionagethriller ist das fast zu viel Gefühl - und zu wenig Feindbild.
BARBARA SCHWEIZERHOF
Würde Franka Potente etwa zu ihm halten, wenn Matt Damon nicht der Gute wäre?
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