• 12.12.2002

Die Schätze bleiben bei uns

Die Direktoren der wichtigsten europäischen und amerikanischen Museen wollen Forderungen nach Rückgabe ihrer wertvollen antiken Kunstschätze nicht nachkommen

Langsam sickert die Nachricht durch. Die Direktoren der wichtigsten europäischen und amerikanischen Museen haben eine Erklärung vorbereitet und unterzeichnet, in der es heißt, dass sie Forderungen nach Rückgabe ihrer antiken Kunstschätze nicht nachkommen werden. Zu den involvierten Museen gehören neben anderen die Alte und Neue Pinakothek in München, die Staatlichen Museen Berlin, das Art Institute of Chicago, das J. Paul Getty Museum in Los Angeles, der Louvre in Paris, das Metropolitan Museum of Art in New York, der Prado in Madrid und die Eremitage in St. Petersburg.

Obwohl weder das British Museum in London noch andere britische Museen auf der Liste zu finden sind, wurde die Erklärung zuerst in der aktuellen Sunday Times veröffentlicht. Dort wurde auch Neil MacGregor, Direktor des British Museum, dahin gehend zitiert, dass er die Erklärung unterstütze. Die Direktoren sehen ihre Institutionen als "universelle Museen" im Dienste der ganzen Menschheit. Die weltweite Bewunderung für die antiken Zivilisationen, so heißt es in der Erklärung, wäre heute nicht so tief verankert, hätten ihre Institutionen nicht den Zugang zu den archäologischen, künstlerischen und ethnografischen Artefakten überhaupt erst ermöglicht. Die Objekte und Monumentalwerke, die vor Jahrzehnten und oft genug vor Jahrhunderten erstmals in den europäischen und amerikanischen Museen präsentiert wurden, seien unter Bedingungen erworben worden, die mit heutigen Richtlinien und Auffassungen nicht zu vergleichen seien, heißt es weiter.

Rückgabeforderungen sieht sich das British Museum ausgesetzt. Größter Streitfall sind die so genannten Elgin Marbles, Statuen und Friese vom Parthenon-Tempel, die Lord Elgin zwischen 1801 und 1803 nach London brachte. Das British Museum verweigert sich griechischen Rückgabeforderungen und lehnt auch eine zeitlich begrenzte Ausleihe ab. Gleichzeitig hat sich eine Gruppe von 14 britischen Parlamentariern dafür ausgesprochen, die antiken Stücke zur Olympiade 2004 in Athen zurückzugeben. Immerhin wird dort schon ein eigenes Museum für die Elgin Marbles gebaut.

Rückgabeforderungen stellt auch die Türkei. Sie betreffen die Staatlichen Museen Berlin. Es geht um den Pergamon-Altar, der gleich einem ganzen Museum den Namen gab. Hier wird natürlich besonders deutlich, wie ganze Sammlungen und Museen um solche jetzt umstrittenen Prunkstücke herum aufgebaut wurden. Diese Sammlungen und Museen würden im Falle einer Rückgabe stark an Wert verlieren. Der Umzug der kostbaren Artefakte müsste zwar die Menschheit nicht unbedingt besorgen, die sie ja dann an anderer Stelle sehen könnte, doch mancher jetzt hochkarätige Museumsstandort wäre dann eben nur noch zweitklassig.

In der Erklärung scheint jedoch festgehalten zu sein, dass jeder Fall von Rückgabeforderung individuell zu prüfen sei. James N. Wood, Direktor des Art Institute of Chicago und einer der Unterzeichner, erklärte gegenüber der New York Times, das Statement sei nicht ganz und gar grundsätzlicher Natur. Die Geschichte und die Verdienste des Konzepts des universellen Museums müssten aber gegenüber Rückgabeforderungen in Rechnung gestellt werden.

Stellungnahmen zur Veröffentlichung der Erklärung in London sind von den Staatlichen Museen in Berlin als den besonders betroffenen deutschen Museen nicht zu erhalten. Weder gibt es eine Presseerklärung vonSeiten der Staatlichen Museen oder der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, der die Museen angehören, noch ist der Pressesprecher Matthias Henkel für die Presse zu sprechen.

BRIGITTE WERNEBURG

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