taz: Herr Amin, der Internationale Rat, das höchste Gremium des Weltsozialforums, hat beschlossen, das Forum 2004 in Indien abzuhalten. Wie bewerten Sie das?
Samir Amin: Das ist ein enormer Schritt nach vorn. Das Weltsozialforum muss seinem Namen gerecht werden, also Volksbewegungen aus aller Welt integrieren. Das ist schwierig, wenn man immer am gleichen Ort tagt. Aus pragmatischen Gründen sind wir jetzt bereits zum dritten Mal in Porto Alegre, und nach wie vor überwiegen die Teilnehmer aus Amerika und Europa. Nun wird endlich vielen anderen Bewegungen die Teilnahme ermöglicht.
Was bedeutet das für die Bewegung in Indien?
Sie wird stärker. Vor zwei Wochen war ich auf dem Asiatischen Sozialforum, es war genauso eindrucksvoll wie Porto Alegre. Allein aus Indien waren 1.000 Gruppen und unendlich viele Aktivisten vertreten.
Wird es dadurch einfacher, die bisher praktisch abwesenden Globalisierungskritiker aus der arabischen Welt oder China zu integrieren?
Ja, Araber und Chinesen werden bestimmt in großer Anzahl kommen.
Welchen politischen Zusammenhang sehen Sie zum drohenden Irakkrieg in dieser strategisch wichtigen Weltregion?
Wir haben es mit einer Serie imperialistischer Kriege der Vereinigten Staaten zu tun, Kriegen, die unilateral in Washington beschlossen werden. Zentralasien und der Nahe Osten wurden aus mehreren Gründen für die ersten Schläge ausgewählt: Über Marionettenregimes wollen die USA sich die ausschließliche Kontrolle über das Öl sichern. Und auf ihre Verbündeten in Europa und Japan üben sie Druck aus, um deren relativ eigenständige Außenpolitik zu unterbinden. Von den geplanten US-Militärbasen könnten sie Ziele in Afrika, Asien und im Nahen Osten erreichen. Deswegen ist es ganz wichtig, dass das Weltsozialforum ebenfalls in dieser Großregion stattfindet. Denn wir müssen uns gegen die US-Strategie wenden, die militärische Kontrolle über die ganze Welt zu erringen. Nur dann können wir auch der wirtschaftlichen Globalisierung widerstehen.
INTERVIEW: GERHARD DILGER
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