Als ihm Freunde zum 80. Geburtstag eine Denkschrift widmeten, wie das sonst nur bei angesehenen Professoren üblich ist, reagierte Helmuth Warnke eher verstört als begeistert. "Bloß keine Fahnen", hatte der 1908 in Eimsbüttel Geborene sein wichtigstes Buch genannt, in dem er "Auskünfte über schwierige Zeiten 1923-1954" gab. Allergie gegen bannerschwenkendes Pathos war die Lektion seines Lebens, und sie schloss Huldigungen seiner eigenen Person gegenüber ein.
Ein langes und bewegtes Leben: Als Malerlehrling tritt Warnke 1926 der KPD bei. Er wird Widerstandskämpfer gegen die Nazis und sitzt zwei Jahre im KZ Kolafu in Fuhlsbüttel. Noch in amerikanischer Kriegsgefangenschaft gründet er ein "Komitee für Frieden und Demokratie". Nach der Rückkehr nach Hamburg wird er Redakteur der kommunistischen Hamburger Volkszeitung, bis er das Blatt aus Protest gegen den Einsatz sowjetischer Panzer am 17. Juni 1953 in der DDR verlässt. Im Januar 1954 schließt die "stärkste der Parteien" den Dissidenten aus.
Helmuth Warnke richtet sich zwischen den Stühlen ein, engagiert sich weiter, trotzig, unbeugsam, unbequem. Gegen atomare Bedrohung und Umweltzerstörung. Als Schriftsteller und Chronist vergessener Stadtteil- und Arbeiterkultur. Für den Frieden weltweit und für lokale Belange wie die Erhaltung des AK Heidberg. Als Zeitzeuge des Dritten Reichs, der es liebt, mit der Enkelgeneration zu disputieren. Als Redner mit Witz und Biss, der in seinem lakonischen Hamburger Slang noch mit 90 Jahren öffentlich gegen grüne Kriegslust im Balkan wettert. "Dem Unrecht widerstehen, erst das ist Leben", lautete der Leitspruch, dem er bis zuletzt treu blieb. Den Kriegsausbruch gegen den Irak hat er nicht mehr erlebt. Am 18. März ist Helmuth Warnke im Alter von 94 Jahren gestorben.
HANNE TÜGEL
Wollen Sie taz-Texte im Netz veröffentlichen oder nachdrucken, dann wenden Sie sich bitte an unsere Abteilung Syndikation: lizenzen@taz.de.
Hier finden Sie alle seit Juni 2007 auf taz.de erschienenen Beiträge.
Das kostenpflichtige Archiv der gedruckten tageszeitung mit allen Texten seit 1986 finden Sie in der Volltextsuche der taz.