Der Plot von James Mangolds "Identität" lässt sich wie ein schlechter Witz erzählen: Zehn Leute sitzen während eines Unwetters in einem verlassenen Motel fest. Unpassierbare Straßen, die Mobiltelefone finden kein Netz. Allmählich werden die Schutzsuchenden scheinbar von einem irren Serienkiller umgebracht. Aber eben nur scheinbar.
Es ist nichts dagegen einzuwenden, dass ein Film den Zuschauer auf falsche Fährten führt und erst am Ende enthüllt, dass Bilder lügen können. "Die üblichen Verdächtigen" war dafür eines der gelungeneren Beispiele der letzten Jahre. Schwierig wird es aber, wenn man einen kruden und klischeebeladenen B-Thriller erdulden muss, um im letzten Akt zu erfahren, dass man nur dem Hirngespinst eines geistig beschränkten Dritten zugesehen hat. Da nützt die knallige Pointe nichts: Sie wirkt wie ein Taschenspielertrick, um ein holperiges Drehbuch zu rechtfertigen.
Doch das eigentliche Problem von "Identität" liegt tiefer. Der Vergleich mit Kurosawas "Rashomon" mag unfair sein, aber er ist erhellend. Kurosawa war vor über 50 Jahren bereits weiter als Filme wie "Identität", die uns Realität als Konstrukt vorführen, aber letztlich doch wieder zum sicheren Blick eines scheinbar objektiven, allwissenden (Kamera-)Auges zurückfinden. "Rashomon" entlarvte diesen Blick als Fiktion; "Identität" stabilisiert ihn, setzt die Abweichung von diesem Blick gar mit psychischer Deformation gleich.
"Sobald Bedeutungen fixiert und aufgedrängt werden, sobald sie ihre Subtilität verlieren, werden sie zu einem Instrument der Macht", so Roland Barthes in einem Text über das Kino. "Identität" liefert dafür ein trauriges Beispiel: Wenn der Zuschauer sich am Ende wieder auf dem festen Boden der Realität befindet, kann er kaum anders als "Identität" als Plädoyer für die Todesstrafe auch für psychisch Kranke lesen - oder zumindest für deren lebenslange Isolierung. Denn eins weiß man am Schluss genau: dass man nie genau weiß, was in deren Kopf Perverses vorgeht.
SVEN VON REDEN
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