Der 63-jährige Multikünstler Dmitrij Prigow lebt meistens in Moskau und veröffentlichte bislang ein Dutzend Bücher - seit 1989. Er ist also ein sehr junger Autor: so jung, dass sich sein über 30-jähriger Sohn grämt, weil sein Vater anscheinend nie erwachsen wird. Dmitrij Prigow hatte sich 1981 zum neuen Puschkin erklärt und mehr noch: Er war die sozialistische Selbstverpflichtung eingegangen, 20.000 Gedichte zu schreiben - bis zum Jahr 2000. Dieses Soll hat er zu 100 Prozent übererfüllt. Wladimir Kaminer kennt über fünfzig davon in- und auswendig - zum Beispiel dieses hier: "Es regnet wieder / Ich und die Spinne sitzen vor dem nassen Fenster / Und schauen in die Ferne / Dort aus dem Nebel taucht das gelobte Land auf / Ich lächele die Spinne an / Na, fliegen wir dorthin?! / Du weißt doch, sagt die Spinne / Dass ich nicht fliegen kann - nur krabbeln / Ach so, na dann krabbel weiter."
Außer Gedichten und Prosatexten schreibt Prigow aber auch noch philosophische Abhandlungen, tritt als Musiker mit Rockbands auf, als Schauspieler in Alexej Germans letztem Film "Kristallow, Machina!", hinterlässt als bildender Künstler Installationen: zum Beispiel am Kollwitzplatz in Berlin, und bestreitet Lesungen an überraschenden Orten: zum Beispiel in New York an einem Seil in 200 Meter Höhe. Oder in Berlin freihändig stehend auf der "Maulhelden"-Lesebühne.
Eigentlich ist Prigow aber ein alter Bildhauer, der über die Zeit, in der er zum Bildhauer ausgebildet wurde, in seinem neuen Roman, "Lebt in Moskau!", einige sehr schöne Erinnerungen ausbreitet. Als Schriftsteller und Dichter aber gehört er zu der jungen Generation, die sich am liebsten über die sowjetische Geschichte lustig macht und alles Sowjetische gnadenlos parodiert.
Dies gilt insbesondere für den Roman "Lebt in Moskau!". Dass diese Art von "jungen" Autoren die neue Freiheit dazu nutzt, ist durchaus ihr gutes Recht und hat sicher auch eine Funktion: Indem sie nun das, was sie selbst, ihre Eltern und Großeltern bedrückt hat, vergackeiern, pornografisieren, verleumden und zerpflücken, tragen sie einen Alb von ihren Seelen ab, erleichtern sich (im Lachen) und reduzieren den ganzen Muff und das Pathos aus der Vergangenheit auf einen Witz oder eine Anekdote.
"Lebt in Moskau!" besteht zu einem Großteil aus solchen überspitzten Anekdoten - im Rhythmus sowjetischer Großereignisse. Das Problem nur ist: Für das westliche Ausland ist diese ganze therapeutische Arbeit der jungen russischen Schriftsteller absolut für die Füße und so überflüssig wie die Pest, denn wir kennen noch nicht einmal die sowjetische Geschichte gründlich, geschweige denn, dass sie uns bedrückt hat (sehen wir einfach mal von den miesen Antikommunisten ab)!
Im Gegenteil: Wir haben von ihrer ganzen inneren Bedrückung hier nur profitiert. Nie hätte es ein Ende des Faschismus, eine soziale Marktwirtschaft, ein Wirtschaftswunder und anständige Löhne gegeben -ohne die gute alte Sowjetunion. Besonders verwerflich ist es, wenn diese ganzen neurussischen Bücher jetzt zu hunderten ausgerechnet ins Deutsche übertragen werden: Die Deutschen haben einfach kein Recht, über irgendetwas Sowjetisches zu lachen oder auch nur zu schmunzeln.
Statt sich zum Beispiel über Viktor Pelewins alberner Tschapajew-Parodie zu högen, haben sie gefälligst Furmanows Original-Tschapajew-Roman aus den Zwanzigerjahren zu lesen - und zwar auf Knien! Übrigens gibt es keine avantgardistischere Literatur auf der Welt als die aus und nach dem Bürgerkrieg in der Sowjetunion! Erst recht ist vieles von dem, was erst nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion dort zusammengeschrieben wurde, überflüssiger Mist. Wie könnte es in einer solchen weltweiten Restaurationszeit auch nur annähernd revolutionäre Literatur geben, wo es doch die Geschichte selbst ist, die Derartiges freigibt?!
Dimitrij Prigow deutet das auch an - mit seinen "Baugruben"-Hinweisen. Statt "Lebt in Moskau!" sollte man natürlich erst mal Andrej Platonows Werke lesen. Dann machen auch Prigows artistische Bügel-Büchelchen enormen Spaß.
HELMUT HÖGE
Die Deutschen haben einfach kein Recht, über irgendetwas Sowjetisches zu lachen
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