Álvaro Uribe ist schneller entzaubert worden, als es seine erbittertsten Gegner prophezeit hatten. 15 Monate nach seinem Amtsantritt rollt eine Rücktrittswelle über Kolumbiens Präsidenten hinweg, die vor allem eines zeigt: die Konzeptlosigkeit des vermeintlichen Saubermannes und Machers Uribe. Innerhalb einer knappen Woche kamen ihm seine wichtigsten Mitstreiter beim Krieg gegen die Guerilla abhanden: der Innen- und Justizminister, die Verteidigungsministerin, die Oberbefehlshaber von Armee und Polizei.
Die Mischung von Korruption und Ineffizienz, die jetzt internationale Schlagzeilen macht, ist zwar in Kolumbien nichts Neues. Doch bis vor kurzem war es dem asketischen Workaholic Uribe gelungen, sich als Alternative dazu zu verkaufen. Dabei konnte er auf die tatkräftige Hilfe des einheimischen Establishments und der US-Regierung zählen, immer häufiger auch auf gewichtige Stimmen aus Europa.
Uribes Niederlage beim Referendum und den Wahlen Ende Oktober schienen einen Kurswechsel nahe zu legen. Doch offenbar ist dem Präsidenten die Initiative entglitten: Auf die Rücktritte reagiert er mit hektischen Neubesetzungen. Seine drei neuen Minister stammen aus dem Unternehmerlager und verfügen über wenig Rückhalt im Parlament. Zur neuen Umweltministerin wurde ausgerechnet die bisherige Leiterin des Antidrogenprogramms "Plan Colombia" befördert, die zuletzt ganze Landstriche mit dem verheerenden Monsanto-Pflanzengift Roundup bespritzen ließ.
Bisher haben den Staatschef weder das Votum der KolumbianerInnen zugunsten der demokratischen Linken noch die dramatische Wirtschaftslage zu einem Umsteuern veranlasst. Unwahrscheinlich bleibt auch jetzt ein Eingeständnis Uribes oder der Regierung Bush, dass ihr Kriegskurs gegen die Guerilla gescheitert ist. Mittelfristig jedoch führt in Kolumbien kein Weg an einer Verhandlungslösung vorbei. Das ist auch den aufgeklärteren Vertretern der Oligarchie bewusst. Die jetzige Krise lässt hoffen, dass sich diese Sichtweise bald durchsetzt - mit oder ohne Uribe. GERHARD DILGER
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