Eine Kriminalgeschichte beginnt meist mit einer Leiche. Das ist auch in dem britischen Städtchen Swindon nicht anders. So liegt er also da, der gutmütige Wellington, mitten auf der Wiese, gerichtet mit der Mistgabel. Ein Pudel zwar, aber Mord ist Mord, und der muss aufgeklärt werden. Zumal, wenn man selbst der erste Hauptverdächtige ist. Christopher Boone hat das Opfer gefunden und wird sofort mit auf die Wache genommen: weil er ein etwas sonderbarer Junge ist und auch, weil er auf den Polizisten einschlägt, der an den Tatort gerufen wurde.
Gleich zu Anfang von Mark Haddons Roman "Supergute Tage oder Die sonderbare Welt des Christopher Boone" wird vorgeführt, mit welcher Feindseligkeit einem die Umwelt begegnet, wenn man die Modi ihrer Kommunikation nicht beherrscht. Denn Christopher leidet am Asperger-Syndrom, einer leichten Form des Autismus. Er kann die Mimik seiner Mitmenschen nicht entschlüsseln, weshalb er stets ein erklärendes Blatt voller Smileys bei sich trägt. Seine Umwelt ist ihm fremder als die Welt der Primzahlen, und am liebsten wäre er allein in einer Weltraumkapsel im All. Er kann nicht nur nicht tratschen, er kann auch nicht lügen und ist also alles andere als der geborene Geschichtenerzähler. Wie also will er dann aus dem toten Hund ein Buch machen?
Chrisopher hält sich an Sherlock Holmes. Wer hätte einen ausgefeilteren Sinn für Logik aufzuweisen als der Altmeister der Kriminalistik? Wenn es aber etwas gibt, dass Christopher perfekt beherrscht, dann sind es Logik, Fakten und Daten. Sherlock und Christopher sind Brüder im Geiste, und schließlich hatte ja auch Holmes seinen Hundefall in Baskerville. In strenger Regelhaftigkeit werden Verdächtige sortiert, Fakten gesammelt, erste Befragungen vorgenommen. Dabei muss Christopher behutsam vorgehen, denn sein Vater hat ihm die Ermittlungen strengstens verboten. Dass er für dieses Verbot sehr gute Gründe hat, muss Christopher später schmerzvoll erfahren.
Der Kinderbuchautor Mark Haddon hat für sein erstes "Erwachsenenbuch" viel Lob bekommen, auch aus berufenem Munde. Oliver Sacks, dessen Fallgeschichten zu den Klassikern der erzählenden Hirnpathologie gehören, befand es als "sehr bewegend, sehr glaubwürdig und sehr humorvoll". In Großbritannien wurde der Roman zum Sensationserfolg, weshalb sich inzwischen das Harry-Potter-Team um dessen Verfilmung kümmert.
Tatsächlich ist die Darstellung der fremdartigen Innenwelt gelungen und durchweg komisch, auch wenn die Komik auf einem einzigen Trick beruht - der Bewältigung von Alltagssituationen durch einen Helden, der keine Intuition kennt und deshalb all das, was anderen mühelos von der Hand geht, in viele kleine Einzelentscheidungen aufteilen muss. Ein kleiner Junge, der mit solcher Bestimmtheit die Welt in nichts als logische Schlüsse aufteilt, hat die Lacher leicht auf seiner Seite. Das ist wie aus dem Lehrbuch für Verfremdungstechnik gemacht. Eine Parabel über die Schwierigkeiten, in der "modernen Welt erwachsen zu werden", wie der Klappentext behauptet, ist es deshalb allerdings noch nicht.
Christopher Boone ist ein anderer Held als Lionel Essrog in Jonathan Lethems "Motherless Brooklyn", zu dem "Supergute Tage" gewissermaßen das britische Pendant bildet. Dessen Protagonist leidet am Tourette-Syndrom und sucht in einer Film-noir-ähnlichen Kriminalgeschichte den Mörder eines Freundes. Er gewinnt dabei ein Verhältnis zu seinen Symptomen, instrumentalisiert sie am Ende gar, wenn es bei den Ermittlungen hilft, oder einfach nur um die anderen als Freak zu unterhalten. Christopher dagegen entwickelt weder ein Verhältnis zu sich selbst noch zu seiner Umwelt, und das macht "Supergute Tage" dann trotz aller Komik auch zu einem traurigen Buch. SEBASTIAN HANDKE
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