Bremen taz
Ausgerechnet in der Neustadt feiert die Postmoderne - überall sonst längst totgesagt - fröhliche Urständ'. Das Nebeneinander diverser Lebensstile nämlich drückt sich ganz zwanglos aus im Sortiment der Regale des Spar-Markts "Harste" in der Gastfeldstraße.
Wo Spar draufsteht, ist zunächst auch Spar drin. In den Regalen die koventionellen Artikel eines Supermarktes: Jacobs-Café und Hakle Toilettenpapier, dazwischen die hauseigene Billigmarke "Spar". Aber dann sind da auch noch die weit über hundert Produkte aus dem fairen Handel der Marke "gepa", Apfelsaft im 10-Liter-Container von der Bremer Mosterei Fabelsaft, in der Tiefkühltruhe ruht friedlich Lammhack vom Bio-Schaf neben einem Knast-Hähnchen der Firma Wiesenhof.
Wo der Purist das Weite sucht, da fühlen sich Björn und Angie Harste am wohlsten: im Durcheinander der Überzeugungen, im freundlich-friedlichen Leben-und-leben-lassen. "Wir sind ein Supermarkt, in dem auch Oma Meier mal ein Bio-Würstchen kauft, aber sie wird auch nicht schräg angeguckt, wenn sie was anderes nimmt", so Angie Harste, die in einem klitzekleinen Büro Hof hält und dort mit Leidenschaft über den "ganz normalen Laden" spricht, den sie vor vier Jahren mit ihrem Mann eröffnet hat.
Zwischendurch kommen Angestellte dazu, zählen Kassen, verabschieden sich von ihrer ,Chefin': "Tschüß Angie, ich hab mit Sylvia getauscht. Bis übermorgen dann." Von wegen ganz normaler Laden.
Das Motto friedlicher Koexistenz gilt auch im Verhältnis Chef/Chefin und MitarbeiterInnen - von einem Projekt zu sprechen, wäre dennoch verfehlt. "Wir machen hier keinen Eine-Welt-Laden oder den Bio-Läden Konkurrenz", so Angie Harste. "Im Gegenteil: Wenn jemand hier viel Bio kauft, dann sagen wir ihm, dass es hier in der Neustadt jetzt auch einen Biomarkt gibt."
Auch sonst wird zwanglos aufgeklärt: Wo Otto Normalverbraucher seine Cola-Flaschen zurückgibt und auf den Pfand-Bon wartet, da klärt ein Stand mit fairem Kaffee aus der Thermoskanne über die Arbeitsbedingungen in den Kaffee produzierenden Ländern auf. Wer will, nimmt es zur Kenntnis. Wer nicht, der nicht.
Wen wundert's, dass auch die Harstes selbst keine Vertreter der reinen Lehre sind: "Klar, ich wusste vorher, dass es Pinkus-Ökobier gibt", sagt Angie Harste, "aber wir selbst sind bis heute Mischkunden geblieben". So spricht sie über sich und ihren Mann, den sie als den konventionelleren von beiden bezeichnet. Gleichwohl ist er es, der in diesen Tagen einen Vortrag vor norddeutschen "Sparanern" - so nennen sich die Spar-Laden-Betreiber - hält und darin die Vorzüge einer um faire und ökologische Produkte angereicherten Warenpalette preist. Zusammen mit seiner Frau Angie nahm er teil am Demeter-Lehrgang über den anthroposophisch korrekten Landbau, denn nur mit dieser Zusatzausbildung darf auch ein herkömmlicher Supermarkt die nach strengen Regeln angebauten Demeter-Produkte verkaufen.
"Na und, was soll's", sagt Angie Harste erwartungsgemäß, "das ist vielleicht ein bisschen crazy, aber meine Mutter pflanzt ihren Salat schließlich auch nach dem Mondkalender. Das Zeug wächst dann ganz einfach besser."
Ganz im Sinne der Orientierung auch auf spezielle Kundengruppierungen bietet Harste das in Bremen größte Sortiment für Veganer an. "Die kommen aus Walle und Findorff hierher", sagt die Marktchefin. "Und neulich Abend hat dann einer hier seine vegane Pfanne vorgekocht. War lecker." Und nun haben die Sparaner Angie und Björn Harste das nächste Großprojekt am Wickel: Sie sind Mitstreiter bei den "Regionalen Regalen", einer Initiative der Arbeitsgemeinschaft Stadt-Land-Ökologie. Möglichst viele Erzeuger aus dem Weserland sollen an einen Tisch kommen, um über gemeinsame Vermarktungsstrategien und Vertriebsstrukturen zu reden. "Da kann jeder noch so kleine Honigproduzent mitmachen", so Angie Harste, die in ihrem Laden nach Kräften für die Idee der Regionalen Regale wirbt. Gemeinsam mit der AG Stadt-Land-Ökologie sucht sie sowohl nach Erzeugern, nach Läden, die die Regionalen Regale einrichten wollen, als auch nach Verbrauchern, deren Wünsche in das Projekt einfließen sollen. Großes Vorbild ist die Marke "Wir von hier", die in dem Allgäuer Städtchen Kempten in vielen, auch ganz konventionellen Märkten zu haben ist. Angie und Björn Harste, die derzeit auch über eine Erweiterung ihres Ladens nachdenken, wären jedenfalls mehr als bereit, den Regionalprodukten in ihrem "Gemischtwarenladen" einen prominenten Platz einzuräumen. Elke Heyduck
In der Tiefkühltruhe ruht Bio-Schaf neben Knast-Hähnchen
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