• 16.02.2004

lexikon der globalisierung

Was bedeutet eigentlich Chancengleichheit?

Seit der Spaltung menschlicher Gemeinwesen in Arme und Reiche war die Gerechtigkeit Hauptgegenstand der meisten Konflikte und das zentrale Thema aller Religionen, Ideologien und politischen Theorien. Gleichwohl kam es nie zu einem Konsens über ein Gerechtigkeitskonzept, das von allen Seiten akzeptiert wird.

Für die Reichen dieser Welt schafft die Mehrung des allgemeinen Reichtums einer Gesellschaft per se Gerechtigkeit (Utilitarismus). Die Benachteiligten und Ausgebeuteten folgten in den letzten 200 Jahren überwiegend der egalitaristischen Leitidee, "jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen". In diesem Streit aber wurden zwei Tatsachen instrumentalisiert: Gleichwertigkeit und Ungleichheit.

Durch diese Gleichsetzung von Gleichwertigkeit mit Gleichheit ignoriert der Egalitarismus die Vielfalt an menschlichen Fähigkeiten, Bedürfnissen und Interessen. So verlor der Egalitarismus letztlich seine Anziehungskraft und universale Gültigkeit.

Der Utilitarismus konnte folglich, zumal im Zeitalter neoliberaler Globalisierung, zum alleinigen ethischen Maßstab des politischen Handelns aufsteigen. Dieser predigt aber Wachstum, legitimiert angesichts von Ungleichheit individueller Fähigkeiten die Spaltung der Welt in Arm und Reich und ist somit im Begriff, die Menschheit in eine soziale und ökologische Sackgasse zu führen.

Gefragt ist vielmehr eine Ethik, die den Scheinwiderspruch zwischen Gleichwertigkeit und Ungleichheit aufheben und sich auch universelle Geltung verschaffen kann.

Chancengleichheit - verstanden als Gleichheit von Startbedingungen - liefert wie keine andere bisher bekannte Ethik die Grundlage für Programm und Praxis der Gerechtigkeit innerhalb und zwischen den Generationen.

Chancengleichheit liefert die normungsfähige Grundlage, Gerechtigkeit jenseits von Partialinteressen zu definieren und Strategien für Gerechtigkeit auf eine tragfähigere breitere Legitimationsbasis zu stellen. Die politische Sprengkraft dieser Leitethik blieb in den sozialökologischen Nachhaltigkeitsdiskursen und globalisierungskritischen Diskursen allerdings bisher weitgehend unerkannt.

MOHSSEN MASSARRAT

Das Lexikon der Globalisierung entsteht in Zusammenarbeit mit dem wissenschaftlichen Beirat von Attac und erscheint jeden Montag. Nächste Woche: Partizipation

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