In den Debatten über Shareholder Value wird ein Systemunterschied der Unternehmenskontrolle zwischen dem Stakeholder-Ansatz (wie im rheinischen Kapitalismus) und dem mit der Liberalisierung der Finanzmärkte Ende der 70er-Jahre in den USA entwickelten Begriff Shareholder Value (angelsächsischer Kapitalismus) skizziert. Traditionell sind deutsche Unternehmen gekennzeichnet durch ein geringes Maß an Börsenfinanzierung und ein hohes Maß an Bankeneinfluss sowie durch weitgehende Abwesenheit feindlicher Übernahmen. In diesem von Stakeholder geprägten Kapitalismus gelten neben den Aktionären insbesondere die Interessen der Beschäftigten, der Kunden, Zulieferer, teilweise auch der Staaten (Gemeinde) und Anwohner der Betriebsstätten.
Durch die Deregulierungsprozesse, den technologischen Wandel und die Liberalisierung der Finanzmärkte gewinnt das Prinzip der Shareholder-Orientierung auch in Deutschland eine zunehmende Bedeutung. Als Unternehmensstrategie zielt es darauf ab, die Wertsteigerung im Interesse der Anteilseigner zu maximieren, um in der Konkurrenz um Kapital an vorderster Front mithalten zu können - und keine Übernahme befürchten zu müssen, wenn der Börsenwert des Unternehmens zurückgeht.
Besonders die privaten Rating-Agenturen und Rankings über die Leistungskraft von Unternehmen setzen Unternehmen unter Druck, schnell positive Ergebnisse vorzuweisen, um nicht von den Analysten der Rating-Agenturen zurückgestuft zu werden. Das Konzept des Shareholder Value ist durch die jüngsten Entwicklungen im Unternehmenssektor, vor allem durch die Bilanz- und Betrugsskandale bei amerikanischen Konzernen, aber auch durch die dramatischen Entwicklungen in den deutschen Chefetagen, in die öffentliche Kritik geraten. Die spektakulären Fälle von überhöhten Einkünften von Managern im Vergleich zu den hohen Verlusten der Kleinanleger und Belegschaften und die damit verbundene Vernichtung von Arbeitsplätzen geraten zunehmend in die öffentliche Kritik. Ob ein auf Shareholder Value orientierter Kapitalismus, besonders nach den Unternehmenszusammenbrüchen seit dem Ende des Booms des "Neuen Markts" gewünscht bzw. erforderlich ist, ist eine europaweit noch zu führende Diskussion. BRIGITTE YOUNG
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