• 25.03.2004

Specht erkundet Busch

Freie Verse am Fleischwolf der Geschichte, geschrieben in der vom Leben abgeschliffenen und nicht selten obszönen Sprache von Farmern und Landarbeitern: Der australische Lyriker Les Murray hat mit "Fredy Neptune" ein großes Weltepos geschaffen

VON FRANK SCHÄFER

Als blätterte jemand sein Fotoalbum durch und extemporierte die daran hängenden Geschichten: "Das war am Schlachtwursttag / auf unserer Farm bei Dungog. / Das sind mein Vater Reinhard Böttcher / und meine Mutter Agnes und mein Bruder Frank, / der später starb an Hirnbrand, Meningitis. / Und ich steh hier am Fleischwolf."

So lässt Les Murray sein monumentales Weltepos "Fredy Neptune" beginnen. Der hier erzählt, ist Fredy selbst, und er steht da nicht von ungefähr. Er wird für die Dauer dieses Abenteuerromans in freien Versen am Fleischwolf der Weltgeschichte stehen und als Statist, von einem miesen Schicksal engagiert, mit ansehen müssen, wie all die Gräuel passieren, die sich Menschen in den ersten fünf Jahrzehnten des letzten Jahrhunderts angetan haben. Dieser deutschstämmige, in den australischen Outbacks aufgewachsene Abkömmling von Ahasver und Simplicissimus und nicht zuletzt auch Forrest Gump war überall dabei: Er verlässt die elterliche Farm und fährt zur See, gerät in die Wirren des Ersten Weltkriegs und wird Zeuge des Völkermords an den Armeniern. Als er mit ansehen muss, wie Türken eine Gruppe armenischer Frauen mit Kerosin übergießen und sich an ihrem grauenvollen Todeskampf weiden, verliert dieser sensible Moralist die Fassung. Er zieht sich in sich selbst zurück, wird taub am ganzen Körper, spürt keinen Schmerz und keine Lust. Zugleich aber wachsen ihm Bärenkräfte, die ihm während seiner vieljährigen Odyssee durch die Weltgeschichte nun immer wieder gute Dienste leisten.

Fredy hat aber noch ein Problem. Er ist zu gleichen Teilen Deutscher und Australier, er kann und will sich nicht entscheiden, wird zum bloßen Beobachter des Krieges. Andere entscheiden derweil für ihn: Zurückgekehrt in sein Heimatdorf, wird er als "Kaiser" beschimpft, also schließt er sich einem Zirkus an, wird Fredy Neptune und macht den Kraftmeier fürs Publikum. Er geht nach Hollywood, lernt dort Marlene Dietrich kennen, überquert mit einem Zeppelin den Atlantik, verprügelt SA-Rotten in den Straßen Berlins, und immer wieder zeigt dieser ungebildete, aber intelligente und integre Mann, dass er viel mehr von seiner Zeit verstanden hat als die meisten: "Wenn die Polizeirevolution kommt, / merkt man's daran, dass man nicht einmal weiß, wer alles Polizei ist. Manche / verzweifeln da, und alles wird zu Polizei, die Tassen, das Regal, das Radio …" Schließlich flüchtet er aus Nazi-Deutschland, heim nach Australien, zurück zu Frau und Kindern. Froh wird er auch hier nicht, weil er die ganze Wahrheit schon ahnt: "Ich aber dachte immerfort / an einen Schützengraben halb voll Menschenblut, der hinlief über / zwei Drittel dieser Welt und da und dort / mit Erde zugeschüttet wurde nach dem pausenlosen Morden … / Gräben wie im Ersten Weltkrieg, aber voller Zivilisten ohne Waffen …"

Viele Jahre nach dem Ende des Krieges erst wird er geheilt von seiner psychosomatischen Fühllosigkeit, resultierend aus der unerträglichen Scham, einer von der gleichen Tierart zu sein und all das mit angesehen zu haben, ohne etwas dagegen tun zu können. Er lernt schließlich, sich und den Menschen zu vergeben - und mit ihnen Gott, der das zugelassen hat.

Als "Fredy Neptune" in Murrays Heimat erschien, sorgte das Buch zunächst für etwas Verstimmung bei einigen piekfeinen Feuilletons. Murray lästert im Nachwort, es habe vor allem daran gelegen, "dass man Toleranz, Vielschichtigkeit und moralische Stärke dort findet, wo das Klischee behauptet, dass sie nicht existieren, in einem schlichten Mann aus dem Volk". Es war wohl nicht zuletzt dessen Sprache. Murray lässt seinen plebejischen Odysseus das raubeinige, vom Leben abgeschliffene, zupackende, oft obszöne Idiom der australischen Kleinfarmer und Landarbeiter sprechen. Durchaus mit Kalkül! Murray befreit sein Epos so nicht nur von hochkultureller Vornehmheit und macht es damit aufnahmefähiger für all den Schmutz und das Leid des Lebens, er stiftet auch eine Verbindung zur älteren, oralen, und das heißt ja auch homerischen Poesietradition. Und er demonstriert wieder und wieder, dass auch auf dieser niederen Stilebene Poesie möglich ist, ja, dass sie diesen raubeinigen, menschenfreundlichen und gelegentlich schwarzgalligen Ton überhaupt erst ermöglicht.

Der Übersetzer Thomas Eichhorn hat diesen berückenden Sound ziemlich gut getroffen und, indem er streckenweise eher nachdichtet, auch die metrische Verve des Originals bewahrt. Diese Verse sind auch auf Deutsch so geschmeidig, dass die gebundene Rede in der Regel überhaupt kein Lesehindernis darstellt. Wenn es einem irgendwie australisch vorkommt, doch gelegentlich mal etwas um- oder missverständlich klingt, reicht ein kurzer Blick auf die linke Seite, auf den Originaltext. Man sollte sich ruhig öfter diesen Spaß machen, man lernt so die ruppige Einfachheit des Originals erst richtig schätzen und auch, was Eichhorn an übersetzerischer Raffinesse aufgeboten hat. Alles in allem liest sich Murray doch noch rüder, ungeschlachter, unverbildeter. Wenn zum Beispiel eine Prostituierte den lustlosen Fredy anmacht, klingt das bei Eichhorn etwas arg lyrisch: "Hol deinen Specht raus, dass er meinen Busch erkundet, ja?" Murray ist da eindeutig nuttiger: "Take out that brown parcel and part my wet hairs, eh?"

Was über die Sprache hinaus dieses wirklich große Gedicht so betörend macht, ist seine erzählerische Urgewalt. Es hat nicht nur einen ausufernden Plot, immer wieder bekommen die Protagonisten selbst noch einmal Raum, um ihre eigenen Anekdoten, Mythen, Lügenmärchen zu erzählen. Dieses für einen genuinen Lyriker ja keineswegs selbstverständliche, schier überbordende Storytelling lässt sich gar nicht fassen. Ist man einmal durch mit dem Buch, kann man schon wieder vorn anfangen, weil man angesichts der Masse an Stoff so vieles vergessen hat.

Les Murray: "Fredy Neptune". Aus
dem australischen Englisch von
Thomas Eichhorn. Ammann Verlag,
Zürich 2004, 519 Seiten, 29,90 €

Die Verse sind auch auf Deutsch so geschmeidig, dass die gebundene Rede kein Lesehindernis ist

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