"Armut" gehört zu jenen Begriffen, die fest im Alltagsbewusstsein verankert sind. Bei genauerer Betrachtung versteht aber jede/r etwas anderes darunter. Auch die Sozialwissenschaft hat bislang keinen allgemein verbindlichen Armutsbegriff hervorgebracht, sondern bedient sich unterschiedlicher Definitionen.
In der Sozialgeschichte unterlag der Armutsbegriff einem ständigen Wandel. Was darunter verstanden wurde, war vom jeweiligen Wohlstandsniveau, von der Produktivkraftentwicklung und den Besitz-, Einkommens- und Vermögensverhältnissen abhängig. Auch die hierauf basierenden Normen und Werten, ihre Widerspiegelung im Massenbewusstsein und die soziokulturellen Traditionen einer Gesellschaft hatten auf dem Armutsbegriff ihren Einfluss.
Aufgrund einer Ungleichzeitigkeit der Entwicklung verschiedener Länder und Kontinente finden sich heutzutage je nach Region und deren politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ganz unterschiedliche Ausprägungen der Armut.
Armut bedeutet mehr, als wenig Geld zu haben. Sie beraubt Menschen ihrer materiellen Unabhängigkeit und damit auch der Freiheit, selbst über ihr Schicksal entscheiden zu können.
Wenn man Armut als extreme Ausprägung der sozialen Ungleichheit und Negation der Bedarfsgerechtigkeit begreift, gerät das Wirtschafts- und Gesellschaftssystem als eigentlicher Verursacher in den Blick.
Wichtig ist die Funktion der Armut: Einerseits verkörperten Arme stets ein "soziales Worst-Case-Szenario" für Gesellschaftsmitglieder, die sich nicht systemkonform verhielten; andererseits blieb Armen (fast) immer die Hoffnung, ihre Lage durch eigene Anstrengungen oder Fügungen des Schicksals zu verbessern.
Auch wenn diese Erwartungen fast nie erfüllt wurden, steckte darin ein wichtiger Lebensimpuls, der sonst schwer vergleichbare Gruppen miteinander verband. Denn soziale Grenzlinien konnten prinzipiell - wenn auch in der Realität eher als Ausnahmefall - überwunden werden. Armut diente also der Disziplinierung, Motivierung und Loyalitätssicherung. Damit trug sie in aller Regel zum Fortbestand des politischen und Gesellschaftssystems bei.
CHRISTOPH BUTTERWEGGE
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