• 21.06.2004

lexikon der globalisierung

Was bedeutet eigentlich Modernisierung?

Der Begriff der "Modernisierung" zielte in den Fünfzigerjahren ursprünglich auf Prozesse des Strukturwandels zeitgenössischer einfacher und armer Agrargesellschaften hin zu komplexen und reichen Industriegesellschaften. Die Ausweitung dieses Begriffs zu einer universellen Kategorie machte Modernisierung dann zu einem Schlüsselbegriff der Bewertung aller Gesellschaften seit der Industriellen Revolution in England und der Französischen Revolution.

Den meisten Modernisierungstheorien ist gemeinsam, dass sie den wirtschaftlichen und politischen Vorangang einiger "Pioniergesellschaften" und darauf folgende Wandlungsprozesse von "Nachzüglern" unterstellen. Marktwirtschaft, Konkurrenzdemokratie, Massenkonsum und Wohlfahrtsstaat wurden als Kennzeichen moderner Gesellschaften betrachtet und damit als selbstverständlich anzustrebende Ziele bisher noch traditionell geprägter Gesellschaften angesehen. Innerhalb dieses eindimensionalen Bildes von Geschichte ist die Überwindung von Hemmnissen und Blockaden der Modernisierung das eigentliche Ziel von Entwicklung. Dass die Entwicklungspfade von Gesellschaften sehr verschieden sein können und dass dabei die internationalen Abhängigkeiten und Machtstrukturen eine sehr gewichtige Rolle spielen, wird von den Modernisierungstheoretikern in der Regel vernachlässigt.

In jüngerer Zeit hat sich neben dieser universalhistorischen Perspektive auch ein eher technischer Gebrauch des Begriffs durchgesetzt. Unter "Modernisierung" wird dann eine Heranführung an die höchsten bisher erreichten Standards im Sinne größtmöglicher Effizienzsteigerung verstanden. Beispiele sind etwa die Altbausanierung oder die Infrastruktur für die Informationstechnologie. Die rot-grüne Bundesregierung verspricht in ihrem Koalitionsvertrag von 2002 eine "ökologische Modernisierung" durch Schaffung von "Öko-Effizienz".

Mit dem Vordringen neoliberalen Gedankenguts treten Wohlfahrtsstaat und Massenkonsum als Kriterien der "Modernität" von Gesellschaften immer mehr zurück. Als Modernisierung etwa des Systems sozialer Sicherung oder des Bildungssystems wird jetzt nur noch anerkannt, was nach neoliberaler Ideologie einzig Effizienz verspricht, indem es nämlich den Mechanismen des Marktes freie Bahn eröffnet.

URS MÜLLER-PLANTENBERG

Das Lexikon entsteht in Kooperation mit dem wissenschaftlichen Beirat von Attac und erscheint jeden Montag

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