• 12.07.2004

Theater in Kreuzberg

Antideutsche rechnen mit der "Multikulti-Hölle" ab.
120 Teilnehmer bei Aufzug gegen Antisemitismus

Eine Demo in Kreuzberg gegen Kreuzberg - das haben die ansonsten recht protestverwöhnten Kreuzberger noch nicht häufig erlebt. Auch nicht Aylin, die für einen türkischen Gemüsehändler am Hermannplatz arbeitet. So wie die meisten ihrer türkischen Landsleute rechts und links vom Kottbusser Damm war auch sie zunächst eher irritiert über den Demonstrationszug mit den blau-weißen Israelfahnen. Erst nachdem die Demonstranten Parolen brüllten wie "Wer Kreuzberg mag, muss Scheiße sein" oder ein Redner im Lautsprecherwagen vom "multikulturellen Terror" sprach, begriff die 34-Jährige: Der Aufzug war auch gegen sie gerichtet.

Zu der Demonstration "Gegen den antizionistischen Konsens - Schluss mit der antisemitischen Gewalt in Kreuzberg und Neukölln" hatte ein bundesweites Bündnis aufgerufen - 120 Personen kamen.

Der eigentliche Anlass war eine Schlägerei beim Karneval der Kulturen vor sechs Wochen. Proisraelische Antifas, die sich selbst als "antideutsch" bezeichnen, hatten einen Block der Revolutionären Kommunisten (RK) angesprochen, weil einige von ihnen T-Shirts mit der Aufschrift "Antizionistische Aktion" trugen. Bei der anschließenden Messerstecherei wurde einer der Angreifer verletzt. Für die antideutsche Szene ein Beleg für den "weit verbreiteten antisemitischen Konsens in den multikulturellen Bezirken".

Doch auf der Demo fand die Messerstecherei nur noch beiläufig Erwähnung. Vielmehr nutzten die Redner die Gelegenheit, um mit Hassreden allgemein gegen den Islam zu wettern. Sie lobten das Kopftuchverbot, priesen den Bau der Mauer in den besetzten Gebieten in Palästina und schrien Parolen wie "Straßenkampf in Ramallah, die Panzer sind die Antifa".

Die Reaktion ließ auch nicht lange auf sich warten. Mindestens genauso geschmacklos skandierten Gegendemonstranten Intifada-Aufrufe. Eier und Flaschen flogen. "Ein Affentheater", fand Aylin. FLEE

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