Jan Freys Schlagzeile lautet: "Neugier sollten die Kinder auf jeden Fall mitbringen." Ein Aufmacher? Geht so. Wie wär's statt dessen mit: "Neugier ist Pflicht"? Oder, noch viel besser: "Wer fad ist, fliegt"? Klappern gehört schließlich zum Geschäft. Zumal wenn das Geschäft der Journalismus ist, der gemeinhin alles tut, um dem Alltag das abzutrotzen, was nicht alltäglich ist: Für gemeine Journalisten ist der Alltag zugleich Ressource und ärgster Feind.
Für den Bremer Journalisten Jan Frey hingegen ist der Alltag ein Held. Seit 1996 schreibt er akribisch, ausführlich und unbeirrbar auf, was passiert, wenn nichts passiert, und zwar im Leben von ImmigrantInnen, Drogensüchtigen oder alten Menschen. Frey geht in alter Reporter-Manier raus, interviewt die Menschen, verbringt Zeit mit ihnen und schreibt dann ganz und gar antireportermäßig das Erlebte auf - ungekürzt, ohne Interpretation und Zuspitzung. Das gesammelte, zwangsläufig sehr umfangreiche Material soll möglichst unbearbeitet präsentiert werden mit dem Ziel, der Wirklichkeit dadurch so nahe wie möglich zu kommen.
Seine Dokumentationen veröffentlicht Frey im Internet auf der Website www.kleinmexiko.de und in seiner gleichnamigen Zeitschrift. Diese erschien erstmals im Juni 1997, drei Ausgabe gab es seitdem, nun liegt mit Unterstützung der Sparda-Bank Hannover das vierte Heft namens "Kinder in der Vorstadt: zu Besuch im Spielkreis" vor. Gemeint ist der Spielkreis der Alt-Hastedter Kirchengemeinde.
Gewohnt ausführlich beschreibt Frey, wie ein durchschnittlicher Tag im Spielkreis aussieht und fragt in Interviews mit der Rektorin und der Diakonin nach Konzepten, Lernzielen und Defiziten. Darauf folgen zwei Interviews mit Familien, die ein Kind im Spielkreis haben. Und ein bisschen wirkt es, als habe sich die kindliche Unbefangenheit auf den Fragensteller Frey übertragen: "Was meinen Sie genauer mit vernünftigem Verhalten?" Oder: "Was heißt ,sich Mühe geben'?" Oder: "Was sind christliche Werte?"
"Nächstenliebe oder das Vertrauen auf Gott" sagt die Diakonin darauf, und klar ist, dass Frey an seinem Konzept nichts verändert hat: "Kleinmexiko" ist ein langer, ruhiger Fluss, bei dem Oberfläche und Tiefgang auf 46 Schreibmaschienenseiten eine eigenartige Liaison eingehen. Der Preis dafür beträgt 2 Euro - und jene Zeit zum Lesen, die man im Alltag selten hat. kli
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