Im deutschsprachigen Raum ist Sergio Ramírez, einer der führenden Akteure der nicaraguanischen Revolution (1979-1990), immer noch als Ex-Politiker und Essayist bekannter denn als Erzähler. Das mag damit zu tun haben, dass seine Romane und Kurzgeschichten, wenn überhaupt, nur in kleineren Verlagen erschienen sind. Anders als seine schreibenden sandinistischen Kollegen Ernesto Cardenal oder Gioconda Belli ist Ramírez für das breite Publikum ein Geheimtipp geblieben.
In Spanien und Lateinamerika dagegen wird er schon längst zu den großen zeitgenössischen Romanciers gerechnet. Die nun im Schweizer Verlag edition 8 veröffentlichte Erzählsammlung lässt ahnen, warum. Ramírez zieht darin alle Register des "realistischen Realismus", wie er seinen Stil einmal genannt hat - in Abgrenzung zum "magischen Realismus", jenem schillernden Begriff, der immer noch allzu oft die Erwartungen des Lesepublikums an die lateinamerikanische Literatur prägt.
Meist fesselt Ramírez sein Publikum mit außergewöhnlichen Begebenheiten, die er scheinbar präzise in der jüngeren Geschichte verortet. Mit Hinweisen auf Orte und Personen der Zeitgeschichte suggeriert er dokumentarische Authentizität. Etwa in der Titelgeschichte "Vergeben und Vergessen". In dieser macht der Ich-Erzähler, ein nicaraguanischer Werbefilmer, eine außergewöhnliche Entdeckung beim Schauen eines mexikanischen Films aus dem Jahr 1950: Als einen der Statisten identifiziert er seinen leiblichen Vater.
Die Geschichte von dem Fußballspieler, der wegen eines Eigentors ermordet wird, verlagert er in ein ungenanntes südamerikanisches Land und lässt sie von einem Mitspieler des todgeweihten Unglücksschützen erzählen. Vorlage ist das Schicksal des Kolumbianers Andrés Escobar, dem dieses Missgeschick bei der WM 1994 tatsächlich wenige Tage später im heimischen Medellín das Leben kostete. Wie in einer altgriechischen Tragödie- oder in einem García-Márquez-Roman - treiben die Ereignisse auf den Mord zu. Das auf einem archaischen Ehrbegriff beruhende, aber allseits akzeptierte Todesurteil der Fußballjournalisten - "Verräter!"- wird schließlich in der fiktiven Andenstadt Turimani vollstreckt.
Die weiteren neun Kurzgeschichten sind in Nicaragua angesiedelt - oder in Berlin, wo Ramírez zweimal gewohnt hat, als DAAD-Stipendiat in den Siebzigerjahren und kürzlich als Literaturprofessor. In die Erzählerrolle schlüpfen die sandinistische Guerillera Catalina, ein Sektenprediger, der seine Jahre als Baseballstar Revue passieren lässt, oder ein trauernder Witwer, der seine Entlassung in Kauf nimmt, um das Begräbnis von Prinzessin Diana am Fernseher verfolgen zu können. Oder der Autor selbst, wenn er das Leben und Sterben eines Peruaners in Westberlin schildert, der vom Triumph als Komponist eines Maya-Balletts träumt.
Als heiterer Satiriker zeigt sich Ramírez, wenn er einen Dorfpfarrer und das Hauspersonal einer wohlhabenden Witwe darüber spekulieren lässt, wer deren Nachttopf mit schäumendem Urin gefüllt hat. Doch sonst dominiert ein melancholischer, illusionsloser Grundton. Ramírez' Sympathien gehören den "Helden des Alltags", die zum Opfer ihrer eigenen Unzulänglichkeiten oder der schlaglichtartig beleuchteten gesellschaftlichen Verhältnisse werden. Düstere Gestalten der Zeitgeschichte wie der Diktator Anastasio Somoza oder Stasi-Chef Erich Mielke bilden eine Kontrastfolie. Und dann sind da die einprägsamen Bilder, die Scheitern und Vergänglichkeit symbolisieren: eine konfiszierte Riesenpuppe in einer Polizeiwache, ein vor sich hin rostendes rotes Cadillac-Cabrio, der Sarg von Prinzessin Diana. GERHARD DILGER
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