BERLIN taz
Statistiken sind etwas Wunderbares. In der aktuellen Debatte über Demografie und Kinderproduktion spielen prägnante, wissenschaftlich fundierte Zahlen eine große Rolle. Besonders gut kommt die meist mit aufgerissenen Augen dargebotene Quote: "Vierzig Prozent aller Akademikerinnen bleiben kinderlos" - vierzig Prozent! Das möchte man schon fast zur Hälfte aller Akademikerinnen aufrunden! Dramatisch.
Doch das mit Statistiken ist so ein Problem. Die berühmten vierzig Prozent zum Beispiel sind zwar "amtlich". Sie entstammen dem Mikrozensus, einer jährlichen Haushalts- und Familienbefragung, deren Ergebnisse beim Statistischen Bundesamt in Wiesbaden ausgewertet werden. Bei näherem Hinsehen stellt sich jedoch heraus, dass in der Kinderlosigkeits-Erhebung erstens nur die 35- bis 39-jährigen Frauen erfasst wurden. Frauen, die mit 40 oder 41 ihr erstes Kind bekommen, interessieren gar nicht - dabei hat ihr Anteil in den vorigen Jahren kontinuierlich zugenommen, vor allem unter Akademikerinnen.
Zweitens werden bei so einer Haushaltsbefragung nur die Kinder pro Haushalt erfasst: Ist ein Kind bei Oma, gilt die gezählte Frau als kinderlos. Den Statistikern in Wiesbaden ist dieses Problem mittlerweile überaus bewusst - allerdings bleiben sie bei ihrer 40-Prozent-Schätzung.
Eine Auswertung etwa des Sozio-ökonomischen Panels, einer Datensammelstelle am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin, ergibt jedoch ganz andere Zahlen. Demnach sind weniger als 25 Prozent der Frauen, die zwischen 1950 und 1960 geboren sind, 2003 - also mit mindestens 43 Jahren - kinderlos gewesen.
Mit ähnlich spitzen Fingern sollte die Angabe "ein Drittel aller Frauen bleibt kinderlos" angefasst werden, die seit der jüngsten Allensbach-Umfrage (taz, 12. 1. 2005) wieder kursiert. Hier sind die Wiesbadener Schätzer auch schon vorsichtiger geworden. Im jüngsten Bevölkerungsbericht heißt es etwa: "Die um 1965 geborenen Frauen werden zu ca. 20 Prozent kinderlos bleiben." Das ist ein Fünftel.
Noch eine schöne Zahl? Der letzte Jahrgang, der sich in Deutschland komplett reproduziert hat, wurde 1880 geboren. Vor hundert Jahren bekamen die Frauen zwar drei oder vier Kinder, die jedoch nicht alle groß wurden. ULRIKE WINKELMANN
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