BERLIN taz
Was für eine Aufbruchstimmung unter den Globalisierungskritikern, als 2002 in Florenz das erste Europäische Sozialforum (ESF) ins Leben gerufen wurde. Vom christlichen Umweltschützer bis zum anarchistischen Bauern übten sich alle im Schulterschluss, um zusammen die "Bewegung der Bewegungen" aufzubauen. Wie breit die Palette der Teilnehmer war, zeigte der "Markt der Möglichkeiten" auf dem Florentiner ESF. Hunderte von Initiativen verteilten an Ständen Kampfpamphlets zur Fünften Internationalen, verkauften fair gehandelte Hanfjeans, informierten über Windenergie in Dänemark oder boten getrocknete Mango-Chips und Che-Guevara-T-Shirts an.
Zwar gab es die Guevara-Hemdchen auf dem 3. ESF zwei Jahre später in London immer noch. Der Markt der Möglichkeiten war aber zu einer Messe trotzkistischer Sektierergruppen geschrumpft. Und auch die großen Veranstaltungen hatten kaum mehr den offenen und kontroversen Charakter wie vormals in Florenz: Parteinahe Kommunalpolitiker wechselten sich mit zumeist flachen Wahlkampfstatements auf den Bühnen ab.
Undemokratisch, bürokratisch, zu staatstragend - so lautete vor allem die Kritik am Organisationskomitee des Londoner ESF. Die hunderte von Veranstaltungen bildeten bloß noch das Beiwerk des Massenevents, während die eigentlichen Debatten um die politische Ausrichtung der Bewegung zumeist hinter den Kulissen geführt wurden. Der Unmut darüber äußerte sich sogar in einer Protestaktion von Anhängern aus der linksradikalen und anarchistischen Szene. Dass die Demonstranten dann angeblich auf Anweisung der Veranstalter auch noch festgenommen wurden, brachte das Fass ganz zum Überlaufen.
Seitdem wird gestritten. Auf einem ESF-Krisentreffen Mitte Dezember in Paris verhärteten sich die Fronten sogar noch. Auf der einen Seite stehen Basisaktivisten, auf der anderen Partei- und NGO-Funktionäre. Italienische Genossen der linken Basisgewerkschaft Cobas und Vertreter der Rifondazione Comunista, die maßgeblich das ESF in Florenz organisiert hatten, monierten in Paris, der eigentliche Zweck der Treffen, nämlich der basisnahe Austausch über Aktivitäten aus den verschiedenen Ländern, sei verloren gegangen. Einige gingen mit ihrer Kritik sogar so weit, dass sie bereits das Ende der Sozialforen forderten. "Wozu ein solches Mammuttreffen, wenn die Basis eh kaum noch einbezogen wird?", fragte ein Cobas-Vertreter.
Dazu wird es zunächst jedoch nicht kommen. Erste Konsequenzen würden auf dem Weltsozialforum in Porto Alegre aber gezogen werden, versichert Philipp Hersel von der deutschen Sektion von Attac. "Weg von den großen Events, die von einem Zentralkomitee vorbereitet werden, hin zu kleinen Veranstaltungen, die Raum für spontane Strategietreffen schaffen", so Hersel. Damit in Zukunft "eine gewisse Fairness der unterschiedlichen Leute" gewährleistet ist, sollten die Sozialforen häufiger den Ort wechseln. Noch bevor das Weltsozialforum offiziell in Porto Alegre beginnt, will das Zentralkomitee heute entscheiden, ob der nächste Austragungsort in Afrika liegen wird.
FELIX LEE
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