Das Weltsozialforum hat zur rechten Zeit die richtigen Signale gesetzt. Mit einer inhaltlichen Zuspitzung, der Abstimmung vielfältiger Kampagnen und dem Beschluss, ihr Jahrestreffen 2006 dezentral auf drei oder vier Kontinenten auszurichten, gelangte die Weltbürgerbewegung aus der Defensive.
KOMMENTAR
VON GERHARD DILGER
Auch das überraschende Bekenntnis von Kanzler Schröder zur Tobinsteuer ist ein Erfolg von Attac & Co. Es ist kein Zufall, dass sich die in Davos versammelte Prominenz diesmal gegenseitig in Sozialsymbolik und humanitären Gesten übertreffen wollte. Zwar scheint die Hegemonie der neoliberalen Weltordnung ungebrochen, doch auf der diskursiven Ebene stehen die Staatenlenker des Westens unverändert unter Legitimationsdruck.
Jene Kritiker, die die Weltsozialforen von Porto Alegre und Mumbai als folgenloses "Labertreffen" abtun wollen, irrten schon 2001. Doch zuletzt hatten sich in der Bewegung selbst die Zweifel an ihrer Handlungsfähigkeit gehäuft. Der Irakkrieg, die Wiederwahl George W. Bushs oder die Liberalisierungsoffensive der G 8 in der Welthandelsorganisation lassen vielen Aktivisten das "Empire" als übermächtig erscheinen.
In Porto Alegre wurden jetzt drei Pflöcke eingeschlagen. Durch die Umstrukturierung in elf auch räumlich konzentrierte Themenfelder wurde die Vernetzung und die Erarbeitung von gemeinsamen Plattformen und Kampagnen erleichtert. Die in Mumbai begonnene "Internationalisierung" geht mit den Regionalforen 2006 und dem Forum 2007 in Afrika weiter. Und alle jene, die sich eine pressewirksame, aber methodisch unsinnige Abschlusserklärung wünschten, können sich nun an die zwölf Punkte des "Manifests von Porto Alegre" halten.
Als zweischneidiges Schwert könnte sich hingegen die derzeitige Führungsrolle von Hugo Chávez erweisen: Einerseits steht der autoritäre Führungsstil des linken Charismatikers in krassem Gegensatz zu Philosophie und Arbeitsweise des Weltsozialforums. Andererseits muss sich Chávez als Gastgeber des kommenden Amerika-Forums noch mehr an seinem Anspruch messen lassen, partizipative Ansätze von unten zuzulassen.
Weltweit bleiben die nachteiligen Kräfteverhältnisse bestehen. Um neue Bündnispartner für ihre radikaldemokratischen Alternativen gewinnen zu können, muss sich die Bewegung noch konsequenter von alten Ritualen verabschieden.
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