taz: Herr Gonçalves, warum musste Dorothy Stang sterben?
José Batista Gonçalves: Die von ihr unterstützten Entwicklungsprojekte in Anapu kamen mächtigen Holzfällern und Landräubern in die Quere. Je öfter Schwester Dorothy deren Machenschaften anprangerte, desto häufiger wurde sie bedroht.
Wussten die verantwortlichen Politiker davon?
Sowohl in der Landesregierung als auch in der Hauptstadt Brasília war man im Bilde. Aber geholfen wurde nicht. Die Regierung in Pará unterstützt lieber Holzfäller und Großgrundbesitzer, denn die verfügen über Geld und politischen Einfluss. Deshalb tut der Staat sehr wenig für den Schutz der Arbeiter und jener, die für sie kämpfen.
Wird sich das nun ändern?
Es ist traurig, dass erst jetzt getan wird, was längst fällig war, etwa die Ausweisung neuer Naturreservate. Aber das reicht nicht. Wir brauchen mehr Präsenz der Bundesorgane vor Ort, vor allem von Polizei und Umweltbehörde. Aber das kostet natürlich. Von Anapu zum Beispiel sind es 140 Kilometer zum nächsten Regionalzentrum, wo die Bundespolizei einen kleinen Posten hat.
Präsident Lula hat 2.000 Soldaten in die Region geschickt. Bewirkt das etwas?
Das ist nur eine Notlösung. Für Entwaldung, Landraub oder Sklavenarbeit ist die Armee ja nicht zuständig. Das Geld, das dieser Einsatz kostet, sollte besser für die Ausstattung der betreffenden Behörden ausgegeben werden, damit die Ursachen der Gewalt bekämpft werden können.
In welcher Phase befindet sich zurzeit die Landreform?
In Pará warten 20.000 Familien in Zeltlagern auf ein Stück Land. Die Regierung Lula hat bisher nicht einmal ein Drittel von ihnen berücksichtigt. Die Behörde für Agrarreform geht sehr bürokratisch vor. Und das, obwohl es bei diesen Landkonflikten die meisten Morde gibt. Von 1971 bis 2004 sind nach unseren sehr unvollständigen Daten 772 Landarbeiter in Pará ermordet worden. Bestraft wurde kaum einer der Täter, denn die Auftraggeber haben großen Einfluss auf die Gerichte. Gerade drei von ihnen sind verurteilt worden, doch hinter Gittern sitzt keiner.
Aber Lula sagt, mit der Straflosigkeit sei es jetzt vorbei …
Er ist anscheinend nicht über die juristischen Zuständigkeiten im Bilde, die liegen nämlich immer noch bei den Behörden in Pará. Hier hat es kein abgestimmtes Vorgehen gegen die organisierte Kriminalität und ihre Helfer im Staatsapparat gegeben. Deswegen ist es wichtig, dass der internationale Druck anhält. Sonst bleibt es bei Versprechungen.
INTERVIEW: GERHARD DILGER
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