KÖLN taz
Ausdruckslos schaut das sechs Jahre alte Mädchen mit den blauen Augen und dem blonden Haar in die Kamera. "Dieses Luder zwang ihren Vater zum Sex", lautet der Schriftzug unter dem Porträtfoto. Und darunter, etwas kleiner: "So rechtfertigen sich die Täter." Provokant und unbequem - das wollen die Studenten der Bauhaus-Universität in Weimar sein, die in Zusammenarbeit mit der Opferschutzorganisation "Weißer Ring" Plakate und Anzeigen zum Thema Missbrauch an Kindern und Frauen entwarfen. Jetzt sind rund 100 ihrer Arbeiten im Stadthaus in Deutz zu sehen.
Unter dem einfachen Titel "Opfer" wollen die Werke der Studenten auf die Folgen von häuslicher Gewalt und sexuellem Missbrauch aufmerksam machen. Sie werden erstmals in Nordrhein-Westfalen ausgestellt. "Die Bilder berühren, entsetzen, sie gehen an Grenzen", sagte Kölns Oberbürgermeister Fritz Schramma gestern anlässlich der Eröffnung der Ausstellung. Aber es sei notwendig, dieses Thema öffentlich zu machen und mit einem Tabu zu brechen.
Köln ist nach Schrammas Worten genau die richtige Stadt dafür. Hier gebe es eine erfolgreiche Zusammenarbeit von Polizei, Stadtverwaltung und Opferhilfe. Schramma verwies auf das "Netzwerk gegen häusliche Gewalt" und das Kölner Opferhilfe Modell, die den Betroffenen Hilfe und Beratung bieten. Dennoch forderte er: "Wir brauchen eine Kultur des Hinsehens statt des Wegsehens." Die Plakate und Anzeigen sollen die Menschen aber nicht nur für das Thema sensibilisieren, sondern auch die Betroffenen ermutigen, ihr Schweigen zu brechen.
An Ideen hat es den Weimarer Studenten der Fakultät für Gestaltung und Visuelle Kommunikation offensichtlich nicht gemangelt. So hat sich beispielsweise René Gebhardt entschlossen, eine Briefmarke zu entwerfen: Zwei Paar Füße ragen unter einer Bettdecke hervor - ein großes und ein kleines.
Was in dieser Arbeit nur angedeutet wird, tritt in anderen Werken deutlich hervor: die tiefen Wunden, die sich in die Seele jedes Missbrauchopfers graben. Dörte Wächter hat eine Rasierklinge auf über 30 Zentimeter Länge vergrößert und lässt sie in Nahaufnahme über einen Arm ritzen. Tiefrotes Blut quillt hervor. Die Unterzeile: "Manche streiten, manche werden magersüchtig. Manche schweigen".
"Der Fokus des Interesses liegt häufig auf den Tätern. Es wird zu wenig an die Opfer gedacht", mahnte Rudi Justen, der Landesbeauftragte des Weißen Rings in NRW. Diese hätten jedoch noch lange nach der Tat mit seelischen Problemen zu kämpfen. Über die Wirkung der Ausstellung macht sich Justen keine Illusionen. "Natürlich wird davon kein sexueller Straftäter über Nacht zum sorgsamen Familienvater. Aber wir müssen das Schweigen brechen."
BENJAMIN TRIEBE
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