Die Aufregung um eine interne Dienstanweisung in einem Prenzlberger Café mag manchen überspannt erscheinen. Seit Wochen kämpft ein Aktionsbündnis gegen eine Wirtin, die sich schwer tat und irgendwie noch tut, mit ihrer in die Öffentlichkeit gelangten rassistischen Wortwahl - und der berechtigten Kritik daran - umzugehen. Doch die Aktion hat es bei aller Aufgeblasenheit dennoch geschafft, deutlich zu machen, dass Rassismus kein Privileg von Neonazis und Unterschicht-Stammtischlern ist.
KOMMENTAR VON
ADRIENNE WOLTERSDORF
Vielmehr sind Rassismus und Diskriminierung in unserem Alltag leider gang und gäbe. Nur fällt es eben der Mehrheitsgesellschaft nicht auf - oder läuft unter der Kategorie "War doch nicht so gemeint". Die Betroffenen hingegen spüren sehr wohl, dass sie vielfältig diskriminiert werden. Und ab und an wundert sich dann die Öffentlichkeit, wieso "die denn so sauer sind". Die Anprangerung des Kaffeehaus-Rassismus könnte also viele dafür sensibilisieren, welchen diffamierenden Klischees und Sentenzen sie tagtäglich begegnen. Das reicht von der Kita, wo immer noch "Wer hat Angst vorm schwarzen Mann" gespielt wird, bis hin zum frivolen Duzen türkischer Kollegen.
Sich gegen Rassismus zu wehren heißt nicht, gesellschaftliche Probleme unter den Teppich zu kehren. So ist es okay, Drogendealern - egal welcher Herkunft und Hautfarbe - die Tür zu weisen. Aber es ist nicht okay, zu behaupten, alle schwarzen Jugendlichen, die gerne hinten im Café sitzen, seien Drogendealer. Rassismus beginnt, wo vom Einzelnen auf die Gruppe geschlossen wird. Darüber herrscht in der Gesellschaft große Verwirrung, was oft zur irrigen Annahme führt, politisch korrekt zu sein bedeute, bei allem die Klappe zu halten. Ganz im Gegenteil. Nur: Bevor man die eigene aufmacht, ist ein Perspektivwechsel weg von der "deutschen Brille" ratsam.
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