AUS MAGDEBURG GEORG LÖWISCH
Igel sind possierliche Tierchen. Und sie haben Stacheln. Die können gefährlich sein. Auf Franz Zobels und Julia Seeligers hellgrünen T-Shirts prangt das Tier. Es ist das Maskottchen der Grünen Jugend. Die Mitglieder bekommen wöchentlich die Infomail "Wochenigel". Jetzt ist Wahlkampf und in diesen Zeiten heißt die Mail "Kampfigel." Auf den T-Shirts steht: "Stacheln zeigen".
Weil die Magdeburger an diesem sonnigen Nachmittag in der Innenstadt gegenüber vom Allee-Center keine Feinde sind, sondern Freunde der Grünen werden sollen, stülpt sich Julia Seeliger einen Pinguinkopf über. Sie und die anderen vom Bundesvorstand haben die Köpfe im Keller der Grünen- Bundesgeschäftsstelle in Berlin gebastelt. Man pustet einen Luftballon auf, tunkt Zeitungsschnipsel in Tapetenkleister und modelliert um den Ballon herum ein Pinguingesicht. Wenn alles trocken ist, malt man das Gesicht an und bohrt Gucklöcher rein. Das Ganze hat natürlich auch einen Sinn. Der Treibhauseffekt schmilzt das Polareis weg, da trifft es die Pinguine zuerst. "Das ist uns total wichtig: zu zeigen, dass Umweltschutz eine Überlebensfrage ist", sagt Julia Seeliger. Sie hält jetzt ein "Hilfe! Mein Eis schmilzt"-Schild vor den Körper. Sieht niedlich aus. Mütter weisen ihre Kinder auf das Tierchen hin, Rentnerinnen schmunzeln.
Franz Zobel sitzt ein wenig gelangweilt hinterm Infostand. Jedes der acht Teams, die seit diesem Wochenende bis zur Wahl durch Deutschland reisen, hat nur ein Pinguinkostüm. Sie sind zu viert, also müssen drei sich anders beschäftigen. Franz Zobel guckt sich die Passanten an und passt auf, dass der Wind die Flyer, Poster und Anstecker nicht vom Tisch bläst.
Franz Zobel ist 21. Sein Vater hat in der DDR Wahllokale besetzt und zur Wendezeit beim Bündnis 90 mitgemacht. Die Familie wohnt in Güstrow in Mecklenburg. Franz Zobel ist in die Grüne Jugend gegangen, weil er deren Drogenpolitik gut findet. Das heimliche Getue ums Kiffen hat ihn genervt. Jetzt wohnt er in Berlin, er hat dort als Zivildienstleistender in einem Behindertenheim gearbeitet. Wenn der Wahlkampf vorbei ist, möchte er Politik oder Jura studieren. Vor anderthalb Jahren hatte er die Idee, in Rostock vor einem McDonald's Kotztüten zu verteilen. Die McDonald's-Leute haben gleich verrückt gespielt und mit der Polizei gedroht, aber die war ja beim Hansa-Rostock-Spiel. Er grinst. "Doof war nur, dass uns auch die Kunden beschimpft haben. Man darf die Leute bei den Aktionen nicht so anmachen."
Bevor die Teams von der Grünen Jugend losgefahren sind, haben sie sich in der Nähe von Göttingen getroffen. Sie haben geübt, wie man mit den Mercedes Vitos umgeht, die sie für ihre Tour gemietet haben. So leicht ist das nicht, die Autos haben sechs Gänge.
Dann hat Claudia Roth eine Motivationsrede gehalten und Tipps gegeben. Es gab auch ein Infostand-Training mit verteilten Rollen. Zum Beispiel der Befreiungstrick. Wenn einer kommt, der eh nicht die Grünen wählt, aber trotzdem lang labern will. "Man hilft einfach dem anderen und sagt: Da ist jemand für dich am Handy", erklärt Franz Zobel.
Er sieht zu, wie ein Schlacks mit einem schnauzbärtigen Passanten diskutiert. Sören Herbst, ein Zwei-Meter-Mann. Er gehört nicht zum Reiseteam der Grünen Jugend, sondern ist der Direktkandidat der Partei für Magdeburg. Sören Herbst ist auch erst 25, aber neben den anderen wirkt er wie der große Bruder, der schon seine eigene Wohnung hat. Er hat ein Mandat im Stadtrat und neben dem Politikstudium arbeitet er im Büro der Bundestagsabgeordneten Undine Kurth. Überall hängen seine Plakate. Er hat darauf blonde Bartstoppeln und blaue Augen wie Mel Gibson. Das Bild eines sympathischen Abenteurers.
Der schnauzbärtige Mann sagt, dass die Ökosteuer ein Schwachsinn sei. "Die Ökosteuer ist der kleinste Teil am Benzinpreis", belehrt ihn Sören Herbst. Wenn er etwas betonen will, geht er elastisch in die Knie, dann ist er nicht mehr so weit vom Gesprächspartner entfernt. "Es muss auch der große Mann an der Regierung sein Scherflein beitragen", sächselt der Schnauzbart. "Ohne die Bevölkerung würdet ihr Politiker euch ja gar nicht finanzieren können." Sören Herbst lächelt. Jetzt hat er ihn. "Wissen Sie, was ich dafür kriege, dass ich hier stehe? Wissen Sie, was wir hier alle dafür kriegen? Wissen Sie das?" Der Mann schaut zu Boden. "War ja nicht auf sie persönlich bezogen. Ich frage mich, was soll ich überhaupt wählen."
Bevor Sören Herbst vollstrecken kann, mischt sich ein kleiner Dicker mit kurzen Jeans und über die Waden gezogenen Strümpfen ein. Er hat sein Opfer schon eine ganze Weile umkreist. "Alle Mann in den Knast", kommandiert er. "Schröder und der Verbrecher Hartz. Und nicht in den Nobel-Knast, sondern in den richtigen Knast, damit sie wissen, was Knast ist." Jetzt bekommt auch der Schnauzbart wieder Oberwasser. "Die Renten werden gekürzt und die Politiker erhöhen sich die Diäten." Sören Herbst drückt das Kreuz durch und schaut zum Allee-Center rüber. "So ist das ja nicht." - "So ist das!", tobt der Dicke. "Totschlagen die Hunde. Und die Parteien mit den ganzen Mitgliedern: In den Atlantik. Mit Gewichten an den Füßen!"
Franz Zobel am Infotisch ist begeistert. "Jetzt könnte man den Trick mit dem Telefon bringen", sagt er. Aber da sind die beiden Männer schon abgezogen. Vermutlich hätte Herbst den Trick auch gar nicht gewollt. Er schlendert entspannt heran. Keine Spur davon, dass er gerade erst im Atlantik versenkt werden sollte. Er ist ja kein Anfänger. "Ich hör den Leuten gern zu", sagt er lässig. "Man merkt, dass die selten jemanden haben, mit dem sie reden können."
Vor ein paar Tagen hat Sören Herbst Joschka Fischer empfangen. Fischer ist mit heiserer Stimme aufgetreten, vor 1.500 Leuten. "Er kam unheimlich authentisch rüber", sagt Herbst. Er ist 32 Jahre jünger als Fischer. Er findet es gut, dass der Außenminister wieder den Spitzenkandidaten macht. Von wegen Platz machen für die Jüngeren. "Der Generationenwechsel findet doch schon statt, während ich hier stehe." Als Fischer im Wahlkampf 2002 in Magdeburg war, hat Sören Herbst mit ihm den Dom besucht, dann sind alle mit dem Außenminister im Park joggen gegangen. So viel Bildungsvolumen, so viel Weitsicht. "Wie bildungshungrig er ist. Er hat so eine außergewöhnliche Begabung, dass wir ihn brauchen. Das werden ihnen alle von der Grünen Jugend bestätigen."
Franz Zobel und Julia Seeliger sitzen hinterm Infostand. Sie sind von Fischer nicht ganz so begeistert. Franz Zobel nimmt ihm die deutsche Beteiligung am Afghanistankrieg übel. Julia Seeliger sagt: "Er ist schon sehr autoritär." Dass er nun abtreten soll, das wollen sie damit allerdings nicht sagen.
Die Frage, warum die Grüne Jugend ausgerechnet mit Mercedes-Autos durch die Republik fährt, beantworten sie anders als Sören Herbst. "Sie haben Dieselrußfilter, sie sind am umweltfreundlichsten", sagt Julia Seeliger. Herbst erklärt, dass man zwar Distanz zu dem Rüstungsproduzenten haben müsse, aber DaimlerChrysler sei ja ein wichtiges Unternehmen, das auch Innovationen bringe. "Man muss sie auch als Partner begreifen. Ein Verteufelung ist völlig unzeitgemäß."
Herbst verabschiedet sich. Die vier von der Grünen Jugend verstauen den Stand und das Infomaterial im Mercedes. Die Zigarettenkippen werden eingesammelt, noch ein Bild mit dem Fotohandy, dann steigen sie ins Auto, Franz Zobel, Julia Seeliger und die anderen zwei. Als Rot-Grün 1998 die Bundestagswahl gewann, waren sie zwischen 13 und 15. Sie kennen die Grünen als Regierungspartei. Der Igel passt darauf. Er nutzt seine Stacheln zur Verteidigung, nie zum Angriff.
Julia Seeliger versucht, den Mercedes zu starten. Auf die Kühlerhaube haben sie auch einen Igel geklebt. Wenn man ihn sich genau ansieht, sind die Stacheln nicht das Auffälligste. Es ist die Stupsnase.
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