Die Kartäuser sind ein kontemplativer Orden mit Schweigegebot. Wer sich ihnen anschließt, verlässt die Welt. Abgeschieden liegt das Mutterhaus, die "Grande Chartreuse", in den französischen Bergen. Über die Gemeinschaft der Männer, die hier leben und zu ihrem Gott beten, hat Philip Gröning ("L'amour, l'argent, l'amour") einen Film gemacht: "Die große Stille".
Weil die Mönche essen und verdauen wie alle anderen Menschen, weil sie altern und neue Brüder bekommen, weil sie ausnahmsweise sogar sprechen dürfen und an bestimmten Tagen im Schnee herumtollen, konnte Gröning eine Menge Material drehen. Er ordnet es, indem er die Routinen zeigt, durch die das Klosterleben erst funktioniert. Draußen wechseln die Jahreszeiten einander ab, besonders fasziniert ist der Regisseur vom Himmel und von den Stimmungen des Lichts.
Das liegt vielleicht daran, dass ihm das Sichtbare am Kartäuserleben nach einer Weile doch ein wenig zu profan erscheint. Gröning legt jedenfalls ständig nach. Er sucht nach Transzendenzzeichen in den alltäglichen Verrichtungen. Die Kamera maßt sich manchmal selbst den göttlichen Blick an, wenn sie so nahe an einen Mönch herankommt, dass man die Haare auf seinem Kopf zählen kann. In schwarz unterlegten Zwischentiteln macht Gröning immer wieder deutlich, welch kategorialer Unterschied zwischen drinnen und draußen besteht. Dass es auch für diesen Sprung bestimmte Formen des Übergangs gibt, interessiert ihn nicht so sehr. Wer hier eintritt, hat seine Motive schon vergessen.
Aus der Lebensform der Kartäuser filmt Gröning das Alltägliche, aber er betont das Fremde. Diese Männer sind näher am Glück - das ist die implizite Behauptung des Films, die ein Mönch gegen Ende dann auch wörtlich formuliert.
"Die große Stille" überträgt die alte Analogieproblematik aus der Theologie auf ein Attraktionsmodell des Kinos: Wenn das Sichtbare tatsächlich die Signatur des Transzendenten trägt, dann würde es doch eigentlich reichen, das "Säuseln" zu filmen, von dem Gröning in seinen Inserts immer wieder die Rede sein lässt. Wenn das Sichtbare aber langweilig zu werden droht, dann müssen Grenzsituationen her. Bei Gröning ist es das Rauschen der dem Dunkel abgerungenen Videobilder, das letztendlich jenen "anderen Zustand" bezeichnet, den er als Dokumentarist 160 Minuten lang verfehlt. Gröning zeigt nicht, er beschwört - und überlagert damit den Glauben der Kartäuser mit dem Aberglauben des Kinos.
BERT REBHANDL
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