Ausgezeichnet wurde ein Blog mit dem schönen Titel "Mehr Respekt, ich bin deine Mutter". Dahinter verbirgt sich ein digitaler Fortsetzungsroman des in Barcelona lebenden Argentiniers Hernán Casciari, hervorgegangen aus dem vermeintlichen Online-Tagebuch einer fünfzigjährigen Mutter aus Buenos Aires.
Mit diesem "Weblog einer dicken Frau" hatte Casciari 2003 seine Laufbahn als Do-it-yourself-Publizist begonnen und seine zahllosen passiven und aktiven Leser monatelang im Glauben gelassen, "Mirta Bertotti" sei tatsächlich eine argentinische Hausfrau. Der Blog wurde rasch so berühmt, dass ein angesehener Verlag in Spanien ihn in Buchform herausgab. Und nächstes Jahr wird Casciaris "dicke Frau" sogar Hauptfigur eines Theaterstücks sein. Überdies hat der Blog zu einer einmaligen kreativen Zusammenarbeit zwischen Fernsehen und Internet geführt: Parallel zu einer geplanten TV-Serie soll Casciari den vermeintlichen Blog des Hauptdarstellers liefern.
"Das Internet als Medium und der Blog als Werkzeug fordern einen Schriftsteller, der wie ein Dirigent arbeitet", erklärt Casciari, man müsse "zeichnen können, programmieren und Marketing betreiben". Entsprechend scharf grenzt Casciari sich von jenen Bloggern ab, die Internet-Tagebücher als puren Selbstzweck betrachten. Einmal habe er sich zeitweilig als typischer "Blogger" verhalten, also "ohne Anspruch auf Ästhetik, Syntax oder Spannung" geschrieben und Links grundlos vervielfältigt. Zwar sei es "langweilig, so zu schreiben", aber auch sehr effektiv: "In den Tagen, an denen ich meine Site in einen typischen Blog verwandelte, hat sich die Zahl der Besucher verdreifacht." Woraus der 34-Jährige nur den bitteren Schluss ziehen kann, dass, "die Leute halt lieber Blödsinn lesen als ausgearbeitete Texte".
Die Deutsche Welle hat keinen eigentlichen Blog belohnt - sondern einen Schriftsteller ausgezeichnet, der das Medium spielerisch vor der schleichenden Verblödung bewahren will.
ARIEL MAGNUS
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