Mit ihrem unerwartet deutlichen Votum für Evo Morales haben die BolivianerInnen vor allem eines klar gemacht: Sie wünschen einen grundlegenden Wandel des politischen und wirtschaftlichen Systems. Zudem sind sie bereit, mit großem persönlichem Einsatz dafür zu kämpfen - das zeigt die bewegte Geschichte der vergangenen Jahre. Deswegen und nicht wegen des angeblichen Radikalismus des ehemaligen Koka-Gewerkschafters Morales verfolgt man die Entwicklung Boliviens in Washington mit großem Argwohn.
Gewiss: Nach Hugo Chávez in Venezuela, Néstor Kirchner in Argentinien, Luiz Inácio Lula da Silva in Brasilien und Tabaré Vázquez in Uruguay kommt in wenigen Wochen mit dem Aymara-Indianer Evo Morales ein weiterer Linker an die Regierung eines südamerikanischen Landes. Im März könnte die chilenische Sozialdemokratin Michelle Bachelet hinzukommen. Doch diese Staatschefs sind so unterschiedlich wie die Verhältnisse in ihren Ländern. Innenpolitisch gerieren sich Lula und Vázquez bislang als zahnlose Sachwalter des Kapitals. Kirchner und Chávez gehen hingegen deutlicher auf Distanz zum neoliberalen Washington-Konsens.
Auch wenn Morales' antiimperialistische Rhetorik bisweilen an seine Vorbilder Fidel Castro oder Chávez erinnert, hat er sich seit 2002 vor allem als vorsichtiger Pragmatiker erwiesen. Er versuchte den Spagat zwischen der armen Bevölkerungsmehrheit und dem politischen Establishment. Lange hielt er dem parteilosen Präsidenten Carlos Mesa den Rücken frei, der daran scheiterte, dass er dem Druck der internationalen Geldgeber nachgab und sich gegen eine stärkere Belastung der Erdölmultis entschied.
Schon bald könnte Morales ebenfalls zwischen den Erwartungen der Volksbewegungen und der extremen Außenabhängigkeit Boliviens zerrieben werden. Daher sollte die Bundesregierung, deren Stimme über ihre "Entwicklungsexperten" im Andenland durchaus Gewicht hat, die Spielräume des gemäßigten Reformers Morales erweitern helfen. Sonst droht das Szenario, das US-Strategen vorsorglich verbreiten, Wirklichkeit zu werden: das eines "gescheiterten Staates". GERHARD DILGER
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