VON SANDRA COURANT
Im Prozess um die blutigen Ausschreitungen am Rande des G-8-Gipfels in Genua vor viereinhalb Jahren sagen ab heute 20 Berliner Globalisierungskritiker aus. Angeklagt sind 28 italienische zum Teil hochrangige Polizisten wegen schwerer Körperverletzung, widerrechtlicher Durchsuchung und Nötigung. Die Beamten müssen sich verantworten für einen Prügel-Überfall auf globalisierungskritische Gruppen in der Genueser Diaz-Schule in der Nacht des 21. Juli 2001. Damals stürmten vermummte Polizeieinheiten das Gebäude, in dem die Demonstranten übernachteten, verprügelten sie und verletzten 61 schwer. Bis zum 13. März werden in Genua insgesamt 49 deutsche Zeugen vernommen.
Im Februar wird die Berlinerin Kirsten Wagenstein vor dem Gericht aussagen. "Nach all der Vertuschung und des Hinhaltens wollen wir zeigen, dass wir nicht locker lassen", sagt die 37-jährige Journalistin. Sie hielt sich während des Polizeieinsatzes in der Schule auf, blieb aber unverletzt, weil sie in eine Besenkammer flüchten konnte. Von dort habe sie Schläge und die Schreie der Verletzten gehört: "Nach einer halben Stunde haben sie mich aus meinem Versteck gezerrt." Ihr bot sich ein schreckliches Bild: "Sanitäter waren gekommen, überall war Blut, auf dem Boden lagen Verletzte."
Einer von ihnen war Daniel Albrecht. Mit Knüppeln habe ihn die Polizei blutig geprügelt, erzählt der 26-jährige Berliner. Eine schwere Hirnblutung, Operation und zehn Tage Krankenhaus waren die Folgen. Weil er so stark verletzt wurde, hat ihn das Gericht bereits im November vernommen. "Auch wenn die Verteidigung unsere Glaubwürdigkeit anzweifelt, glaube ich, dass der Prozess aufdecken wird, was damals wirklich passiert ist", sagt Albrecht. "Wir sind einfach zu viele gute Zeugen."
Miriam Braermann ist sich da nicht so sicher. Sie hat durch die Ereignisse ihren Glauben an rechtsstaatliche Strukturen verloren, sagt die 26-Jährige. Sie blieb damals unverletzt. "Ich habe mich so ohnmächtig und gleichzeitig schuldig gefühlt, dass mir nichts passiert ist." Braermann wird im März nach Genua fahren, um auszusagen.
Die Zeugenaussagen zwingen die Betroffenen dazu, sich genau zu erinnern - an die Bilder, die sie am liebsten aus ihrem Kopf verbannen würden. "Ich habe drei Monate lang mit anderen aus der Diaz-Schule ein Anti-Trauma-Training gemacht", erzählt Wagenstein. Auch Albrecht leidet noch unter Albträumen. Mit einer Entschädigung rechne er nicht. Trotzdem lohne sich der Weg nach Genua. "Wenn die Polizisten verurteilt werden sollten, ist das eine echte Genugtuung."
Auch Mitglieder des Bundestages zeigen Interesse am Prozess. Einige wollen nach Genua fahren, unter ihnen Anna Lührmann (Grüne) und Paul Schäfer (Linkspartei). Den Prozess vor Ort beobachten wird auch der Politologe Wolf-Dieter Narr vom Komitee für Grundrechte und Demokratie. Er hält die Vorfälle in der Schule "menschenrechtlich für einen Skandal".
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