VON SEBASTIAN HEISER
Die Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di rechnet mit einer Zunahme verzweifelter Arbeitskämpfe. "Die Beschäftigten haben langsam die Faxen dicke", sagte gestern Gewerkschaftssprecher Günter Isemeyer, zur taz. In den vergangenen Jahren seien die Arbeitnehmer trotz Sozialabbau ruhig geblieben - in der Hoffnung, dies würde Arbeitsplätze sichern: "Nun stellen sie fest: Es hat nichts gebracht, klein beizugeben. Im Gegenteil, die Arbeitgeber sind immer dreister geworden." Dagegen wachse der Widerstand.
In Aachen ist der Groll so groß, dass die Beschäftigten des Bildröhrenwerkes LG.Philips sich mit gesetzlich erlaubten Streiks nicht mehr zufrieden geben. Mitarbeiter blockierten die Produktion des benachbarten Glühlampenwerkes von Philips - und machten sich damit strafbar. Auch die Beschäftigten der Flughafen-Catering-Firma "Gate Gourmet" griffen kürzlich während ihres bereits seit 119 Tagen andauernden Streiks zu illegalen Mitteln. Sie versuchten den Düsseldorfer Flughafen komplett zu blockieren.
Die Arbeitnehmer am Airport stehen stark unter Druck. Ihr Streik ist einer der bislang längsten in Deutschland. Sie wehren sich dagegen, dass ihr Arbeitgeber die Arbeitskosten um zehn Prozent senken will. "So lange auszuhalten, war die einzige Möglichkeit, uns ein Forum zu schaffen", sagt Uwe Mrasek, ein Gate-Gourmet-Fahrer. Und ein Ende ist immer noch nicht in Sicht: "Die Belegschaft wird so lange durchhalten, bis ein Tarifvertrag zustande kommt."
Die Zentralen der Gewerkschaften lehnen illegale Aktionen im Arbeitskampf ab. Bei allem Verständnis für die Mitglieder vor Ort, seien Blockaden doch "wenig zielführend", sagt Walter Haas, NRW-Chef des Deutschen Gewerkschaftsbundes. Auch von Verdi-Sprecher Isemeyer heißt es: "Gewerkschaften sind nicht dazu da, Gesetze zu brechen."
Der Betriebsratsvorsitzende von LG.Philips in Aachen verteidigt die illegale Blockade. "Die Arbeitgeber wollten uns verarschen und haben sich nicht an Zusagen gehalten", sagt Martin Droigk. "Die Blockade war erfolgreich", sagt er, gestern hat hat der Arbeitgeber ein erstes Angebot vorgelegt.
Bald wird sich zeigen, wie weit die Basis bei Streiks gehen wird. In Niedersachsen laufen die Urabstimmungen für einen Ausstand in Kliniken und Straßenverwaltungen. Mehr als 10.000 Beschäftigte in Kitas, Kliniken, Sparkassen und bei der Müllabfuhr legten bereits gestern für einen Tag die Arbeit nieder. In Nordrhein-Westfalen startet Ver.di am Montag eine Urabstimmung über einen Streik an den Unikliniken des Landes.
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