"Wie kommt es, dass es in der politischen Kultur der Bundesrepublik eine geradezu totalitär verfestigte Ideologie zum Thema Israel und Antisemitismus gibt", schreibt der Verleger Abraham Melzer im Nachwort.
Kein Zweifel, die Deutschen fühlen sich mit Recht für das Schicksal der Juden verantwortlich und müssen Israel gegenüber besondere Vorsicht und Sensibilität walten lassen. Aber wird man diesem Grundsatz gerecht, wenn man Augen und Ohren verschließt, fragt Rupert Neudeck. Verlangt die Konsequenz aus dem damaligen Verbrechen nicht vielmehr, dass man Unrecht beim Namen nennt, kritisiert und dagegen Widerstand leistet, auch im Bezug auf die Politik Israels?
Doch dies zu tun ist ein Wagnis. Denn, wie Norbert Blüm im Vorwort schreibt, fällt jede Kritik gegen Israel "entweder durch den Rost der öffentlichen Meinung oder wird auf diesem Rost gegrillt". Kritiker, selbst jüdische, die in Konzentrationslagern Qualen erlitten haben, werden als "Nestbeschmutzer", "jüdische Selbsthasser", "Antisemiten" oder "Rassisten" abgestempelt. Journalisten, Politiker und intellektuelle Meinungsmacher in Deutschland haben um Israel eine Front aufgebaut, die niemand ohne den Verlust seines Rufs zu riskieren, durchkreuzen könnte, so Neudeck.
Er selbst habe sich oft in Israel aufgehalten und Unerträgliches erlebt, er sei aber so "benebelt und blind" gewesen, dass er alles Jüdische von vornherein "in einem günstigen und sympathischen Licht" gesehen habe. Doch bei seinen letzten Reisen sei das erlebte Unrecht so erschütternd gewesen, dass er nicht mehr darüber schweigen konnte. Neudeck schreibt: "Ich war in letzter Zeit immer wieder mit Wut, Zorn und manchmal Ekel vor mir selbst unterwegs, weil ich, zurückgekehrt nach Deutschland, einfach nichts sagen konnte."
Das Buch, das Neudeck als "mein ganz persönliches Zeugnis" bezeichnet, liefert keine politische Analyse des Nahostkonflikts. Es sind Beobachtungen und Schilderungen von menschlichen Schicksalen, die alle darauf hinweisen, dass die israelische Politik alle Anstrengungen unternimmt, um Fakten zu schaffen, die ein selbstständiges Palästina unmöglich machen.
Bei seinen Schilderungen wird Neudeck begleitet vom Geiste des jüdischen Religionsphilosophen Martin Buber, den er als Kronzeugen zitiert: "Sie, lieber Martin Buber, würden sich im Grabe umdrehen, wenn Sie so viel Arroganz und Ungerechtigkeit, so viel Leugnung aller Solidarität erlebten." Durch die Siedlungspolitik habe sich Palästina zu einem "Bündel von kleinen Landstrichen" verwandelt, die keinen Zusammenhang untereinander hätten".
2003 besuchte Neudeck gemeinsam mit Norbert Blüm und dem Rechtsanwalt Winfried Seibert auch die Stadt Kalkilia, eine Stadt umgeben von einer Mauer, doppelt so hoch wie die Berliner Mauer. Alle 300 Meter ein Wachturm und Stacheldrahtzaun. Die Palästinenser seien seit Jahrzehnten praktisch Gefangene, die der Willkür der israelischen Armee ausgesetzt seien, geplagt von Angst und Verzweiflung. Für sie gebe es keinerlei rechtliche Instanz, an die sie sich wenden könnten. "Die einzige Möglichkeit, die sie sehen, ist, sich selbst zu wehren", schreibt Neudeck. Die Selbstmordattentäter bezeichnet er als "krankhafte Verbrecher". Aber die Abscheu vor diesen Verbrechen dürfe nicht daran hindern, deren Ursachen zu erforschen.
Es gehe um die Existenz, um die Sicherheit Israels, hört man überall. "Merkwürdig, wie man anfängt, diesen Satz gleichzeitig hassen und lieben zu lernen", schreibt Neudeck. "Weil dieser Satz voller Selbstgerechtigkeit ist, voll einseitiger, blasphemischer Selbstgerechtigkeit." Es gehe nur um die Sicherheit der Israelis, nicht um die der Palästinenser. Doch die Last der Vergangenheit, die zu Recht ewig bleiben werde, dürfe nicht dazu führen, dass "aus Schwarz plötzlich Weiß" wird.
BAHMAN NIRUMAND
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