• 15.02.2006

KAPVERDEN: EIN SELTENES BEISPIEL NACHHALTIGER DEMOKRATISIERUNG

Die Inseln, die die EU nicht will

Es gibt Länder in Afrika, die sich nicht über zu viel internationale Einmischung beklagen, sondern über zu wenig. Die Kapverden, im Atlantik vor der Küste Westafrikas liegend, sind ein seltenes Beispiel gelungener Demokratisierung. Präsident Pires ist mit 51,1 Prozent der Stimmen wiedergewählt, gegen 48,9 Prozent für seinen Gegenkandidaten Veiga - bei 321.594 Wählern, von denen nur die Hälfte überhaupt ihre Stimme abgab. In vielen Ländern würde ein solch knappes Ergebnis Unruhen nach sich ziehen, zumal der Sieger seinen Vorsprung den zahlreichen Auslandskapverdiern verdankt, während er auf dem Archipel selbst knapp hinten lag. Doch es bleibt alles ruhig. Es ist ja auch ein Erdrutschsieg im Vergleich zu 2001, wo Pires' Vorsprung genau 12 Stimmen betrug.

Glückliche Kapverden? Der arme Inselstaat, bis 1975 portugiesische Kolonie, fühlt sich allein gelassen. In den letzten Jahren verlangte die Regierung vergeblich den Beitritt zur Nato und zur EU, erwog ernsthaft die Einführung des Euro und stellte sich der US-Marine für Antiterrorübungen zur Verfügung. Viele kapverdische Bürger leben sowieso in der europäischen Emigration, weil die kargen Böden des Archipels wenig hergeben.

Die Geografie spricht für den kapverdischen Drang zur Integration. Die Inselgruppe liegt von Europa nicht viel weiter entfernt als die Azoren, und die Kanarischen Inseln, deren politische Zugehörigkeit zu Europa auch niemand bestreitet, sind geografisch eindeutig Teil Afrikas. Wieso soll da die nächste Inselgruppe des Atlantischen Ozeans, ein paar Flugstunden weiter, nicht auch nach Europa integriert werden? Zumal weiter südlich wieder lauter europäische Territorien liegen, von St. Helena bis zu den Falkland-Inseln.

Aber Europa hat Angst vor der eigenen Courage. Man will gerne Weltmacht sein, aber die Welt soll bitte draußen bleiben. Die Kanaren sind allerdings nur europäisch, weil ihre Ureinwohner bei der spanischen Besiedlung ausgerottet wurden. Die Kapverdier leben noch - das ist ihr Verhängnis. Da mögen sie noch so oft und demokratisch an die Wahlurnen schreiten. DOMINIC JOHNSON

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