Die NachbarInnen machen es richtig: Operationen fallen aus, Untersuchungen finden nicht mehr statt, Notfallaufnahmen sind verriegelt, selbst Taxifahrer unterbrechen ihren Weg zu den Krankenhäusern: Wenn französische ÄrztInnen und Krankenschwestern für mehr Lohn und kürzere Arbeitszeiten demonstrieren, ist die Nation blockiert. Eine Millionen Menschen gingen dort im vergangenen Herbst auf die Barrikaden, nur sechs Monate zuvor hatten MitarbeiterInnen der privaten Kliniken für mehr Geld gestreikt.
KOMMENTAR VON
ANNIKA JOERES
Und hier? In Nordrhein-Westfalen machen die Streikenden an Karneval blau, setzen ihren ernst gemeinten Streik für die Spaßparaden aus. Insgesamt nimmt nur jedeR fünfte der ausgebeuteten GesundheitsarbeiterInnen am Streik teil. PatientInnen werden nur zu den Zeiten nicht behandelt und operiert, in denen wenig Andrang herrscht. Auch die Reinigungskräfte bestreiten einen niedlichen Kampf: Die ausgebeuteten PutzerInnen von Klos und Büroetagen verteilten gestern Handcremes in Fußgängerzonen anstatt die Meute in ihrem Dreck ersticken zu lassen.
Die französischen KämpferInnen haben allerdings auch einen entscheidenden Vorteil: Die BürgerInnen stehen hinter ihnen. Sie erkennen, dass der ausgebliebene Service, die stinkenden Abfallberge keine böswillige Verweigerung ist. Und sie richten die Wut auf knauserige Arbeitgeber und kurzsichtige Kürzungen des Staates. In Deutschland wird der Bote der schlechten Nachrichten geköpft, gelten KämpferInnen als egoistische SolistInnen. Die ArbeiterInnen sind verschreckt, haben Angst vor der eigenen Überflüssigkeit, anstatt ihren unverzichtbaren Wert für die Gesellschaft zu erkennen.
Übrigens: Am Ende haben die aufständigen Franzosen gesiegt. Der Staat zahlte den Krankenhäusern eine Milliarde mehr, tausende Fachkräfte konnten neu eingestellt werden.
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