PORTO ALEGRE taz
Es lief alles nach Plan. Um drei Uhr nachts setzen sich 100 Kilometer südlich der brasilianischen Stadt Porto Alegre 37 Busse in Bewegung. Auf Nebenstraßen erreichten sie eine Versuchsfarm des Zellstoff-Unternehmens Aracruz. Etwa 1.500 Kleinbäuerinnen zogen sich ihre lila Halstücher ins Gesicht, drangen in das Gelände ein und zerstörten neben Forschungslabors fast 5 Millionen Eukalyptus-Setzlinge.
Die Frauen sind Mitglieder der Landlosenbewegung MST und des internationalen Kleinbauern-Dachverbandes Vía Campesina. Auf einer Konferenz der Welternährungsorganisation FAO über Landreformen erklärten sie anschließend: "Wenn die Eukalyptus-Plantagen weiter vorrücken, werden uns bald Trinkwasser und Land fehlen, um Lebensmittel anzubauen. Wenn die brasilianische Regierung den Hunger beenden wolle, müsse sie in eine Agrarreform investieren, anstatt Monokulturen zu fördern. Allein die Firma Aracruz habe in den drei Jahren Amtszeit von Präsident Lula da Silva Bundesmittel in Höhe von 750 Millionen Euro erhalten.
In der Expansion der Eukalyptus-Monokulturen, der "grünen Wüsten", sieht die MST ein "perverses Beispiel" für die Macht des exportorientierten Agrobusiness. Denn der größte Teil der Wertschöpfung, die Weiterverarbeitung zu Papier, findet in Europa, Nordamerika oder China statt. Der brasilianisch-norwegische Konzern Aracruz ist Weltmarktführer für gebleichten Kurzfaser-Zellstoff. 2005 produzierte Aracruz 2,8 Millionen Tonnen Zellulose. 98 Prozent davon wurden exportiert. In Deutschland entstehen daraus Kopierdpapier und holzfreie Druckpapiere, aber auch Tempo-Taschentücher und Toilettenpapier. Wegen ihrer umweltfeindlichen Praktiken und der Vertreibung von Indianern und Afrobrasilianern ist die Firma bereits seit längerem im Visier von Umwelt-Organisationen.
Urgewald und Robin Wood wenden sich auch gegen die Multis Procter & Gamble (Tempo) und Kimberly-Clark (Kleenex, Hakle), die zusammen 45 Prozent des Aracruz-Zellstoffs kaufen. Die Importeure könnten sich am schwedischen Königshaus ein Beispiel nehmen. Das nämlich trennte sich nach der Zerstörung von zwei Indianerdörfern durch die brasilianische Bundespolizei im Januar von seinen Aracruz-Beteiligungen.
Seine Eukalyptus- und Zellstoffproduktion will der Multi künftig vorwiegend im südlichen Bundesstaat Rio Grande do Sul ausweiten, wo vergangene Woche der Protest gegen die Versuchsfarm stattfand. Die Zerstörung von genetischem Material, das in 15-jähriger Forschung entwickelt wurde, werde sich in millionenschweren Produktivitätsverlusten niederschlagen, sagte ein Firmensprecher. An den geplanten Investitionen in Südbrasilien wolle man aber festhalten.
GERHARD DILGER
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