Als Franzose ist Jean-Noël Jeanneney der Erbe einer revolutionären Tradition. Im Vorwort seines Buchs "Googles Herausforderung" annonciert er deswegen eine "kleine Kampfschrift". Sie wendet sich gegen Google. Der Präsident der Französischen Nationalbibliothek befürchtet eine Hegemonie der Nordamerikaner, weil das Suchmaschinen-Unternehmen aus den USA in den nächsten sechs Jahren 15 Millionen Bücher der Universitätsbibliotheken von Stanford, Michigan, Harvard und Oxford sowie der New York Public Library einscannen und im Internet durchsuchbar machen will:
"Im kulturellen Bereich, aber auch in allen anderen Bereichen würde das Ungleichgewicht der Welt zunehmen, und eine dominante Kultur würde den Status einer Hypermacht bekommen." Jeanneney will Europa gegen die USA mobilisieren.
Der Bibliothekspräsident hatte das bereits benutzbare "Google Book"-Programm und die ähnlichen, wenn auch kleiner dimensionierten Pläne von Yahoo, Microsoft und Adobe zunächst als Verwirklichung eines alten Menschheitstraums begrüßt: sämtliches Wissen der Menschheit zugänglich zu machen. Doch die für das Selbstverständnis der Nationen so wichtige kulturelle Überlieferung mochte er nicht in den Händen der Privatwirtschaft sehen. Jeanneney schlug Alarm und motivierte im letzten Jahr sechs europäische Staatsoberhäupter zu einer Digitalisierungs-Gegenoffensive. In den nächsten Monaten könnten die nationalen und europäischen Entscheidungen für die ehrgeizige "digitale europäische Bibliothek" fallen. Noch ist deren Finanzierung fraglich, sind viele Fragen ungeklärt.
In "Googles Herausforderung" legt Jeanneney seine Bedenken gegen das Vorgehen der Amerikaner dar. Gefährlich sei die "Firmenphilosophie des schnellen Profits". Zwar biete Google die Suche in den digitalisierten Büchern kostenlos an, verdiene aber Geld mit Werbung, die neben den Trefferlisten erscheint. Daher bestehe die Gefahr, dass jene Bücher oben platziert würden, die die größten Werbeeinnahmen brächten - anstelle des vielleicht wichtigsten Titels, der auch noch in einer nicht englischen Sprache erschien.
In kultureller Hinsicht warnt Jeanneney vor zusammenhanglosen Wissensbrocken, vor der Bevorzugung und der Dominanz des Englischen, vor der Konzentration auf die Massenkultur sowie der Vernachlässigung des Neuen, Unbekannten und Minoritären.
Er befürchtet gar ein Erstarken der Privatwirtschaft gegenüber dem öffentlichen Sektor. Ungeklärt sei angesichts des rapiden Veraltens von Computerprogrammen die Haltbarkeit der Daten und was mit ihnen geschehe, falls Google Bankrott gehe. Wichtige und streitbare Einwände stehen in diesem unübersichtlich argumentierenden Pamphlet neben den zumindest hierzulande skurril wirkenden: Jeanneney zitiert den seligen Charles de Gaulle mit der Warnung, wer sich dem Markt unterwerfe, werde von den Amerikanern kolonisiert.
Ein Mann, der sich um "die künftigen globalen Machtverhältnisse" sorgt, sorgt sich nicht um so kleinliche Fragen wie Kosten, Urheberrechte oder die einzusetzende Digitalisierungstechnik. Über diese Quantités negligeables schreibt Jeanneney einige bürokratische Seiten, die zusammenzufassen nur alten Hasen der Parlamentsberichterstattung gelingen dürfte. Glücklicherweise gibt es ein informatives Nachwort von Klaus-Dieter Lehmann.
Und wie klingt es, wenn der Mann, der zwei nationalen Rundfunksendern vorstand und ebenso vielen nationalen Regierungen als Minister und Staatssekretär angehörte, in seiner Kampfschrift auf die Barrikaden ruft? "Unsere Entscheidungsträger in Paris, Berlin, Rom, Madrid und anderswo, vor allem aber in Brüssel, täten gut daran, das (die vorteilhafte ökonomische Dynamik kultureller Aktivitäten - d. Red.) nicht aus den Augen zu verlieren." Übernehmen Sie, Exzellenzen. JÖRG PLATH
Schon der selige Charles de Gaulle warnte: Wer sich dem Markt
unterwirft, wird von den
Amerikanern kolonisiert
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